Das VfB-Dilemma

OsPo. Der VfB erlebt in den letzten Wochen einen sportlichen Aufschwung, den man angesichts der vorhergehenden Leistungen kaum für möglich gehalten hätte. Recht plötzlich ist man vom unteren ins obere Tabellendrittel aufgestiegen und aus dem erweiterten Abstiegskampf in das Rennen um die Europa-League avanciert. Als Anhänger des VfB muss einen das natürlich einerseits freuen – das tut es intuitiv. Doch wer etwas tiefgründiger über die Zusammenhänge im Verein nachdenkt, der sieht den gegenwärtigen kurzfristigen Erfolg mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Sicher tut es gut, vom VfB seit längerer Zeit mal wieder begeisternde Spiele wie jüngst das magische 4:4 gegen Borussia Dortmund geschenkt zu bekommen. Auch dass zuletzt trotz oft dürftigen Spiels eine ordentliche Punkteausbeute erzielt wurde, die sich in der Tabellenposition niederschlägt, kann für den Verein ja eigentlich nur gut sein.

Kurzfristig gedacht mag das stimmen. Doch leider hilft die Erfolgsserie auch, grundlegende Missstände zu festigen, die im Verein auf struktureller und sportlicher Ebene nach wie vor vorhanden sind. Das prominenteste und zugleich frappierendste Beispiel liefert Trainer Bruno Labbadia. Dessen oft für Fachleute wie Laien kaum nachvollziehbare personelle und taktische Entscheidungen sorgten dafür, dass der VfB bis vor wenigen Wochen eine äußerst schlechte Saison spielte. Nun hat er zwar auch am Aufschwung seinen Anteil. Er müht sich redlich und hatte etwa mit der Aufstellung Julian Schiebers auf dem linken Flügel eine gute Idee, die funktioniert hat. Doch an Labbadias fachlichen Unzulänglichkeiten hat sich nichts geändert, das ist auch in den erfolgreich absolvierten Spielen klar geworden – wie man etwa Artur Boka immer noch aufstellen kann, der sich zu oft nicht um taktische Vorgaben oder Defensivdisziplin schert, ist zumindest erklärungsbedürftig. Labbadia ist nicht der richtige Trainer für den VfB, wenn Leute wie Robin Dutt oder Ralf Rangnick gegenwärtig ohne Beschäftigung sind. Ein Abschied Labbadias vom Neckar und die Verpflichtung eines kompetenten Nachfolgers wird jedoch immer unwahrscheinlicher, je erfolgreicher die Mannschaft vordergründig ist.

Aber auch was das Spielerische betrifft kann der Erfolg gefährlich sein. Schließlich waren die Leistungen in den letzten Spielen nicht besser als zuvor. Einige der zuletzt gewonnenen Spiele, wie der Heimsieg gegen Nürnberg, sind gar unter die schwächsten Auftritte dieser Saison einzuordnen. Selbst beim großartigen Spiel in Dortmund war der VfB in der ersten Hälfte nicht mehr als ein Sparringspartner für den – zugegebenermaßen technisch und taktisch brillant agierenden – Deutschen Meister. Man sollte sich in Cannstatt nun also auch im Hinblick auf die sportliche Planung nicht auf den vermeintlichen Lorbeeren ausruhen. Der gegenwärtige Kader des VfB ist nicht gut zusammengestellt und hat an entscheidenden Stellen wesentliche Schwächen. Mit den Verpflichtungen von Vedad Ibisevic und Gotoku Sakai – beide haben wesentlichen Anteil am ergebnismäßigen Aufschwung – wurden zwei davon behoben. Doch dass etwa ein offensiver Sechser mit Zug zum Tor und ein schneller zentraler Mittelfeldspieler dringend nötig sind, darf über der momentanen Selbstbeweihräucherung nicht vergessen werden.

So gefährdet gewissermaßen der schnelle Erfolg die nachhaltige Entwicklung – das ist nur scheinbar paradox. Es bleibt abzuwarten, wohin die Reise des VfB tabellarisch in den verbleibenden sechs Saisonspielen geht. Sollte man sich trotz teilweise erschreckender spielerischer Leistungen für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren, wird sehr wahrscheinlich dieser vermeintliche Erfolg die Missstände kaschieren. Die Gelegenheit zum Aufbau einer auf entscheidenden Positionen veränderten Mannschaft unter einem kompetenten Fußballlehrer – denn das ist es, was der Verein braucht – wäre dann jedenfalls nicht gegeben. So steckten alle Anhänger weiter im Dilemma, sich über eigentlich Erfreuliches nicht wirklich freuen zu können.

Advertisements

Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
Dieser Beitrag wurde unter Kommentar, Sport abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s