Subkultur in 1A-Lage

MoH. In Stuttgart gibt es eine Einrichtung für die Bretter, die einer ganzen Subkultur die Welt bedeuten: das Skateboardmuseum. Angeblich ist es eines von nur dreien seiner Art auf der ganzen Welt und sucht in Europa seinesgleichen; sein Bestehen im Herzen der Schwabenmetropole ist also ein Alleinstellungsmerkmal, das – wenn auch zaghaft – sogar touristisch verwertet wird. Erst mit der aktuellen Ausstellung des Kunstmuseums, der Michel Majerus-Schau, hat das Skateboardmuseum als Kooperationspartner noch mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Aber ob und wie lange das dem Museum nützt, steht derzeit offen: Den rührigen Machern der von einem gemeinnützigen Verein getragenen Institution geht das Geld aus.

Der Finanzbedarf des Museums ist, weil es sich ausschließlich auf ehrenamtliche Arbeit stützt, gering. Es handelt sich um jährlich rund 12.000 Euro, die das Museum für Miete und Nebenkosten im Untergeschoss des ehemaligen Filmhauses benötigt. Das ist eine Summe, die in einer Stadt wie Stuttgart über Spenden zu erzielen sein sollte, um welche der Trägerverein jetzt bittet. Die Landeshauptstadt ist eine der absoluten Skateboardhochburgen in der Republik. Und abgesehen von den aktiven Skateboardern gibt es weite Kreise in der Jugendszene, die sich über das Lebensgefühl der Brettfixierung definiert – dies sieht man alleine an der Anzahl der Läden, die in Stuttgart Skater-Mode erfolgreich vertreiben.

Wenn das Kunstmusem diese Skater-Subkultur in seiner aktuellen Schau würdigt, ist dies nach Jahrzehnten der Anlaufschwierigkeiten auch eine hochkulturelle Würdigung der von „Spießbürgern“ oft geächteten Jugendkultur. Dass die von Michel Majerus entworfene Rampe aber ausgerechnet auf dem Schlossplatz steht, also nur einen Steinwurf vom Kleinen Schlossplatz entfernt, dem Platz, in dessen Untergrund sich die Stuttgarter Skater-Szene noch in den 1990er Jahren im Skatepark „Gaskammer“ traf, hat ein gewisses Geschmäckle. Der – mit Ausnahme des Kunstmuseums – geradezu totsanierte und durchkommerzialisierte Kleine Schlossplatz war früher ein urbaner Treffpunkt für alle, die im damals noch spießigen Stuttgart ihr Anderssein zur Schau stellen wollten. Davon ist nichts mehr übrig. Die Subkultur wurde vom Untergrund an den Rand der Stadt gedrängt. Ein Erhalt des Skateboardmuseums in der Friedrichstraße wäre dagegen ein Zeichen – dafür, dass nicht nur der kommerzielle Teil der Skater-Kultur in der Stuttgarter 1A-Lage willkommen ist.

Majerus' Skaterrampen-Skulptur. Foto: Michel Majerus Estate.

Das Stuttgarter Skateboardmuseum hat immer sonntags von 16 bis 20 Uhr geöffnet. Im März gibt es samstags Führungen für Interessierte. Die Michel Majerus-Schau im Kunstmuseum geht noch bis zum 12. April  2012.

Der Spendenaufruf des Skateboard-Museum Stuttgart  e.V. findet sich auf der Startseite der Skateboardmuseums-Website: www.skateboardmuseum.de

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Über Moritz Heiser

Moritz Heiser studiert Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Der Autor schreibt seit 2002 für verschiedene Publikationen, darunter DIE ZEIT und die Stuttgarter Zeitung. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Politik und Wirtschaft.
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