Das Echo der Parkräumung

OsPo. Die anfangs der Woche erfolgte endgültige Räumung des Schlossgartens ruft verschiedenes Echo in der Medienlandschaft hervor. Bei SPIEGEL-Online wird man seinem Anspruch als Leitmedium gerecht, indem man differenziert – wenn auch recht knapp – die Wahrnehmung der Geschehnisse aus der Sicht der verschiedenen beteiligten Gruppen darstellt: „Die Polizei ist zufrieden mit dem Einsatz – die Gegner des Bahnprojekts S21 kritisieren das Vorgehen als ‚aggressiv und provozierend‘.“

Die Stuttgarter Blätter hingegen sind nicht ganz so um unparteiische Wiedergabe bemüht. Sie treten vielmehr durch tendenziös gefärbte oder gar ignorante Berichterstattung hervor. Die Stuttgarter Zeitung (StZ) begleitet die Polizeiaktion mit einem Live-Ticker, einem Format, das man sonst eher von Sportveranstaltungen oder Politikerrücktritten gewohnt ist. Der Ton ist hier teilweise recht zackig („Nächster Baum, Nähe GWM. Aktivisten sollen wohl gleich geholt werden.“); die Einschätzung der Lage erfolgt ausschließlich aus Sicht der Polizei („Die Polizei sagt, sie haben die Lage im Griff und liege voll im Zeitplan.“). Und es wird großer Wert darauf gelegt, die Rechtsverstöße der Aktivisten minutiös zu dokumentieren – das Verhalten der Polizeibeamten gegenüber den Aktivisten dagegen ist für die StZ nicht von größerem Interesse. Stattdessen wird lieber darauf hingewiesen, welch großen finanziellen und gärtnerischen Aufwand die Bahn betreibe, um den Schlossgarten zur Baustelle zu machen.

Die Stuttgarter Nachrichten (StN) betiteln ihren Ticker zwar als Chronik. Dieser Euphemismus, der einem die Tränen in die Augen treibt, kann jedoch nicht über dieselben journalistischen Unzulänglichkeiten hinwegtäuschen, die auch die Berichterstattung des Schwesterblatts auszeichnen. Zwar ist der Ton etwas blumiger („Polizist beschreibt Stimmung während der Räumung: ‚Wie beim Kirchentag.'“), doch auch hier ist die Darstellung einseitig. Ein Kommentator der StN rühmt „eine kluge, deeskalierende Polizeistrategie“ – reichlich viel Lob für die Staatsgewalt dafür, dass sie es diesmal wenigstens geschafft hat, es, anders als am notorischen Schwarzen Donnerstag, nicht zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommen zu lassen. Das könnte jedoch auch eher an der mehr symbolischen Natur des Widerstands der Aktivisten als an besonnenem und verhältnismäßigem Verhalten der Polizei gelegen haben.

Nicht zum ersten Mal bleiben hier die Stuttgarter Zeitungen hinter den Erwartungen bezüglich journalistischer Qualität zurück. „Das tägliche Bemühen um die ‚kritische Wahrheit‘ [sic!]“ jedenfalls, das die StZ in ihrem Leitbild für sich in Anspruch nimmt, scheint hier vorübergehend suspendiert worden zu sein. Weiter heißt es dort: „Die Redakteure und die Korrespondenten sind sich ihrer ethischen und gesellschaftlichen Verpflichtung bewusst. Deshalb bereiten sie alle Themen so auf, dass der Leser die Informationen erhält, die er braucht, um sich selbst ein Bild machen und ein eigenes Urteil bilden zu können.“ Wie diese hehren Grundsätze mit der oben ersichtlichen Praxis vereinbar sein sollen, darüber muss sich jeder der knapp 200.000 StZ/StN-Leser selbst Gedanken machen. Ein wenig mehr Objektivität und Interesse an einer differenzierten Darstellung sollte man jedenfalls erwarten dürfen.

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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