Kretschmann avanciert zum Landesvater

OsPo. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat in einem offenen Brief an die Bevölkerung Baden-Württembergs dafür geworben, dass auch die Gegner von Stuttgart21 nach der Volksabstimmung akzeptieren, dass die Bahn das Projekt durchführen darf. Zwar sei das Ergebnis des Votums für ihn persönlich genauso bitter und unbefriedigend wie für alle anderen Gegner, die immer noch gegen S21 kämpfen. Andererseits habe man als Demokrat einzusehen, dass der Kampf nun entschieden sei. Kretschmann räumt unter anderem ein, dass er und seine Partei es nicht geschafft hätten, die Wähler von ihren fundierten und gewichtigen Argumenten zu überzeugen. Das zeugt nicht nur vom Wissen um gute PR, sondern offenbart auch, dass Kretschmann & Co. tatsächlich die bei Politikern seltene innere Größe besitzen, Niederlagen einzugestehen und sich dem offenbaren Willen des Volkes zu beugen, auch wenn dieser mit der eigenen Haltung konkurriert.

Zu diesem fairen Eingeständnis, diesem Aufruf zur Mäßigung kann man dem auch sonst angenehm unprätentiös und gelassen auftretenden Kretschmann nur gratulieren. Genau die hier zum Ausdruck kommende Unaufgeregtheit und Weitsicht braucht es, um die Funktion des vielzitierten ‚Landesvaters‘ zu erfüllen. Alle, die immer noch blind gegen das Projekt kämpfen, sollten sich Gedanken darüber machen, ob es nicht an der Zeit ist, den unausweichlich kommenden Bahnhofsneubau konstruktiv zu begleiten, statt zu polemisieren – auch wenn das oft durchaus verständlich und berechtigt ist. Das ohne Frage zweifelhafte und bisweilen lächerliche Verhalten der Bahn etwa reicht schon aus, einen zornig zu machen. Und hier sind die Gegner auch künftig gefragt. Dazu heißt es bei Kretschmann: „Nicht ausgeschlossen ist es hingegen, die Fehler und Schwächen des Projekts deutlich aufzuzeigen, den Finger in die Wunde zu legen und auf Nachbesserungen zu drängen. Das verstehe ich unter einem kritisch-konstruktiven Begleiten von Stuttgart 21 PLUS.“ Wohlan denn: Mit einer kritischen konstruktiven Begleitung tun alle, die bisher lediglich opponiert haben, Stuttgart und seinen Bürgern sicher einen größeren Gefallen als mit einer sturen, verblendeten Blockadehaltung.

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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