Taktische Schnitzer und lustloses Gekicke – eine Laienanalyse

OsPo. Es wird wieder ernst für den VfB: Nach einer allerhöchstens mittelmäßigen Hinrunde muss auch dieses Jahr wieder einmal eine herausragende Rückrunde gespielt werden, wenn die angestrebten Ziele noch erreicht werden sollen. Die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb ist dabei vielleicht das einfachere Unterfangen. Angesichts von allemal aufholbaren vier Punkten Rückstand auf Platz sechs scheint das, eine halbwegs konzentrierte Halbserie vorausgesetzt, nicht unrealistisch.

Viel schwerer wird es jedoch, einen anderen Anspruch wieder würdig zu erfüllen, den der Verein und sein Publikum traditionell an eine Bundesligamannschaft des VfB Stuttgart stellen. Innerhalb der letzten zwei, drei Dekaden gehörten die Roten regelmäßig zu den Mannschaften, denen man nachsagte, sie spielten den besten – weil spielerisch, vielleicht gar ästhetisch hochwertigsten – Fußball der Liga. In den späten 1990ern bildeten Elber, Balakov, Bobic ein magisches Triumvirat, später mischte die erste Generation der jungen Wilden um Hleb und Kuranyi die Liga auf, 2007 schließlich wurde man mit oft spektakulärem Angriffsfußball Meister. Mittlerweile aber ist statt flüssigen Kombinationsspiels und überfallartig vorgetragener, technisch und taktisch anspruchsvoller Spielzüge meist fußballerische Durchschnittskost angesagt, wenn die Stuttgarter Mannschaft auf dem Rasen steht.

Das ist nicht erst so, seit Bruno Labbadia Cheftrainer ist. Auch unter dessen Vorgängern Babbel und Gross und in der Spätphase der Tätigkeit Armin Vehs mangelte es dem Spiel des VfB oft an Spielwitz, Tempo und Kreativität. So zumindest stellt sich das dem  fachunkundigen Zuschauer dar: Es geht nicht zügig genug „nach vorne“, das Spiel stockt immer wieder, die Rädchen scheinen auf dem Platz nicht ineinanderzugreifen. Und diese Metapher kommt dem Begreifen der Vorgänge, die ein Fußballspiel ausmachen, vielleicht am nächsten: Es ist ein System komplex aufeinander abgestimmter Einzelhandlungen, die im Idealfall so zusammenwirken, dass als Ergebnis die vom Trainer intendierten und vom Publikum als „schöner Fußball“ wahrgenommenen Offensivaktionen herauskommen.

Herauszufinden, woran es liegt, wenn dieser Mechanismus nicht funktioniert, ist die vielleicht größte Herausforderung für einen Trainer im professionellen Fußball. Denn nicht nur die optische Attraktivität des Spiels, sondern auch der Erfolg einer Fußballmannschaft hängen langfristig vor allem damit zusammen, ob das System funktioniert. Makroskopisch betrachtet lässt sich für den VfB sagen, dass das taktische Grundgerüst stimmt und auch die vorhandenen Spieler dafür recht geeignet erscheinen. Labbadia lässt meist das als State of the Art geltende 4-2-3-1-System spielen, das die Spieler auch verinnerlicht zu haben scheinen. Das Problem liegt vermutlich, wie so oft, im Detail. In den verlorenen Spielen der Hinrunde war nämlich recht deutlich zu beobachten, dass die Mannschaft des VfB Schwierigkeiten hatte, durch eine schnelle Umstellung des taktischen Konzepts auf veränderte Speilsituationen zu reagieren. So geschehen etwa bei der Niederlage in Berlin, als nach dem etwas überraschenden Rückstand der VfB nicht in der Lage war, gegen einen Aufsteiger einen Gang hochzuschalten.

Labbadia versucht dieser Starrheit mit der Einführung alternativer Spielsysteme zu begegnen, die für mehr taktische Flexibilität sorgen sollen. Wenn dies allerdings ohne gründliche Überlegung, aus schierem Aktionismus und vor allem ohne Berücksichtigung der Spielanlage des Gegners geschieht, kann der Schuss schnell nach hinten losgehen. So etwa in Mainz, als Labbadia durch eine Dreier-Abwehr versuchte, eine Überzahl im Mittelfeld herzustellen und so mehr offensiven Druck zu entwickeln. Dass die Mainzer exzellente Konterspieler in ihren Reihen haben und ihr Spiel, auch bei Heimspielen, grundsätzlich auf das Lauern auf den schnellen Gegenangriff ausgerichtet ist, scheint Labbadia bei dieser Maßnahme nicht in seine Überlegungen einbezogen zu haben. Das Resultat ist bekannt – der VfB öffnete den Mainzern buchstäblich die Tore und wurde wegen der Unterzahl in der Abwehr taktisch klassisch ausgehebelt.

Nun sind solche taktischen Schnitzer des Trainers wohl nicht der einzige Grund für den unattraktiven und nur mäßig erfolgreichen Fußball, den die Stuttgarter zurzeit anbieten. Lustloses Gekicke wie im Falle Cacaus und mangelnde taktische Disziplin seitens der Spieler, wie sie etwa Arthur Boka oft an den Tag legt, tragen gehörig dazu bei. Und doch kann man sich als interessierter, wenngleich fachfremder Betrachter des Eindrucks nicht gänzlich erwehren, dass Bruno Labbadia gewisse handwerkliche Grundfertigkeiten zumindest zeitweise abgehen. Auch wenn Labbadia die nun erfolgte Vertragsverlängerung von Manager Fredi Bobic als „Signal für Kontinuität“ deutet – er wird wahrscheinlich derjenige sein, den ein Fortdauern der spielerischen Misere beim VfB den Arbeitsplatz kosten würde.

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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