Mit der S-Bahn in die Autostadt

Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs muss schneller werden. Foto: JuergenG

MoH. Der öffentliche Nahverkehr in der Region Stuttgart erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Das bestätigte eine vertiefende Studie der Stadt Stuttgart und der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB), die auf einer im Jahr 2009 vom Verband Region Stuttgart (VRS) in Auftrag gegebenen Untersuchung über das Verkehrsverhalten in der Region beruht. Demnach hat der ÖPNV gegenüber 1995 seinen Anteil am gesamten Verkehrsaufkommen um mindestens zwei Prozentpunkte auf 24,2 Prozent gesteigert.

Die wichtigste Erkenntnis der Studie: Bei Fahrten in die Innenstadt dominiert der ÖPNV, arbeitet aber schon hart an der Kapazitätsgrenze, bei Verbindungen quer zur Stadtmitte hat das Auto die Nase vorne. In beiden Dimensionen müsste der ÖPNV also ausgebaut werden, um noch mehr Verkehr in Busse und Bahnen zu bringen. Der Zehn-Minuten-Takt bei der S-Bahn, wie in der StZ vorgeschlagen, kann aber nicht die Lösung sein. Denn schon beim heutigen 15-Minuten-Takt ist die S-Bahn-Stammstrecke in der Stuttgarter Innenstadt an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt. Die aktuelle Studie bestätigt aufs Neue die Schlussfolgerungen, die das StT schon nach der Vorlage des Generalverkehrswegeplanes des Landes im Juli vergangenen Jahres zog:

„[…] Der öffentliche Nahverkehr müsste massiv ausgebaut werden. Welche Chancen dazu Stuttgart21 für den S-Bahn-Verkehr böte – wenn man sie denn aufgriffe – hat das StT schon an anderer Stelle aufgezeigt. Teile dieses Konzepts könnten aber auch ohne S21 realisiert werden. Durch eine bessere Verknüpfung des S-Bahn-Netzes und einen höheren Takt gewönne das viel beschworene „Rückgrat des VVS“ an Attraktivität gegenüber dem Auto. Zudem sollte man prüfen, ob es umsetzbar ist, an den Schnittpunkten von S-Bahn-Strecken und Autobahnen/Bundesstraßen Park&Ride-Haltestellen zu schaffen. So könnten vor allem Pendler und Touristen leichter umsteigen – denn wer sich einmal durch den Stau der Außenbezirke bis zu den bestehenden P&R-Stationen (in Obertürkheim, Zuffenhausen oder Degerloch) gekämpft hat, lässt sich auch von den restlichen Staukilometern kaum noch abschrecken. Außerdem müsste die Anzahl der Querverbindungen von S- und U-Bahn-Linien rascher forciert werden. Optimierungsbedarf besteht auch bei den Umsteigemöglichkeiten von Regionalbahnen auf die S-Bahn im Stadtgebiet.

Doch auch der Individualverkehr sollte gestärkt werden – und zwar der auf zwei Rädern. Das gilt insbesondere für das Fahrrad. Viele Stuttgarter haben es in den vergangenen Jahren trotz hügeliger Topografie wieder für sich entdeckt. Es gibt aber noch viel zu wenige Radwege und Stellplätze, um das Radfahren insbesondere in der Innenstadt zu erleichtern. […]“ (Quelle: https://neues.stuttgarter-tagblatt.net/2011/07/04/landesstaustadt/)

In den umliegenden Landkreisen müsste zudem die Fahrradinfrastruktur auf die Bahnhöfe ausgerichtet werden, um Schiene und Rad optimal zu verknüpfen.

Mit den genannten Maßnahmen könnte mit verhältnismäßig geringem Aufwand der Verkehrskollaps in der Region abgewendet werden. Dass hier immer noch zwei Drittel aller Fahrten mit dem Auto vorgenommen werden und der öffentliche Nahverkehr bei 12% herumkrebst, ist erschreckend. Es liegt aber auch an der jahrzehntelangen Bevorzugung des Ur-Stuttgarter-Verkehrsmittels seitens der Politik, dass dem so ist. Es ist erfreulich, dass sich der ÖPNV in der Region immer größerer Beliebtheit erfreut. Die Freude währt aber nur, wenn dieser Erkenntnis auch die richtigen Taten folgen.

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Über Moritz Heiser

Moritz Heiser studiert Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Der Autor schreibt seit 2002 für verschiedene Publikationen, darunter DIE ZEIT und die Stuttgarter Zeitung. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Politik und Wirtschaft.
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2 Antworten zu Mit der S-Bahn in die Autostadt

  1. MCBuhl schreibt:

    Es kommt mir manchmal so vor, als würde die Fortbewegung mit Ofis absichtlich verhindert. Beispiel: Neuhausen/Filder nach Stetten/Remstal – mit dem Auto über Esslingen 35 min. – Routenempfehlung VVS: Bus Esslingen, S-Bahn Untertürkheim, Bus Fellbach, Bus Stetten in sagenhaften 1 Stunde 41 Minuten. Da fahr ich doch mit dem Auto! Auch andere Verbindungen sind höchst abenteuerlich: mit Öfis von Neuhausen nach Köngen dauert fast so lange wie ein Spaziergang direkt…
    Nun mag es sein, dass gerade der Landkreis Esslingen in der Hinsicht besonders rückständig ist (man vergleiche mal das Nachtbusangebot der Kreise LB und ES!), aber auch in der Landeshauptstadt wird der Öfi-Verkehr immer wieder auf wunderliche Weise über das Zentrum umgeleitet. Kennen Sie Giebel? Fahren Sie mal vom Westen in die westlichen Bereiche Feuerbachs oder die folgenden Stadtteile wie Giebel: kommt man von Botnang noch gelegentlich mit dem Bus nach Feuerbach, so wird von der VVS doch die Route über Hauptbahnhof empfohlen.
    Warum ist das so?

  2. Moritz Heiser schreibt:

    Das stimmt, der Landkreis ES ist ein gutes Beispiel. Trotz der hohen Bevölkerungsdichte gibt es zwischen Filderstadt und Esslingen keine Schienenverbindung. Zudem muss, wer mit der Bahn von LE oder Filderstadt nach Tübingen will, über den Stuttgarter Hbf fahren (oder den Bus nehmen). Eigentlich ist das verrückt. Aber selbst die relativ kurze Erweiterung der S2 zwischen Filderstadt und Neuhausen stockt seit Jahren. Neben der erschwerenden Topographie für direkte Schienenstränge (ins Neckartal nach Esslingen bzw. Tübingen) kann man also nur politische Motive vermuten.

    Hingegen plant der Kreis LB sogar eine „Stadtbahn“, die die Stuttgarter U14 in Aldingen oder Pattonville bedienen könnte, in LB den S-Bf (S4+5) quert und so eine veritable Querachse zu den beiden Nord-Süd-Achsen etablieren könnte.

    Während diese beiden Verbindungen in meinen Augen absolut wichtig und notwendig sind, gefällt mir ihr Stuttgarter Beispiel nicht so gut (aber da gäbe es andere, die Ihre Kritik durchaus besser unterstreichen würden). Eine U-Bahn-Verbindung Botnang-Feuerbach wäre wohl äußerst unrentabel, weil Botnang mit gerade mal 13.000 Einwohnern eine Art Insel im Walde darstellt – da würde schlicht die Nachfrage nicht ausreichen.

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