Schwäbische Kultur von Weltrang

MoH. Innerhalb eines wohlumrandeten Talkessels im Herzen des Schwäbischen wusste man ja schon immer, was man an seiner Kultur hat. Stolz wie Oskar war man. Allein, darüber allzu prahlend zu reden verbot ein besonderer Wesenszug der Schwaben: „Net g’motzt isch gnuag g’lobt!“ So gesehen ist die jüngste Initiative des Schwäbischen Albvereins ziemlich großspurig. Um das UNESCO-Siegel des „immateriellen Kulturerbes“ will man sich bemühen. Was genau das sein könnte, sagte Manfred Stingel vom Albverein der Stuttgarter Zeitung: „Wir haben so viel, das schützenswert ist und das wir wenig beachten. Den Überlinger Schwertlestanz zum Beispiel und andere Schwerttänze, Schäferfeste, das Biberacher Schützenfest, Ulmer Fischerstechen und viel andere großartige Feste im Land. Es gibt noch viele traditionelle Tänze, Oster- und Pfingstbräuche, Erntefeste und so weiter. Natürlich auch Maultaschen und Spätzle – oder sind die eher materiell?“

Das schwäbische Dolce Vita soll nun also neben Maschinen und Autos zum nächsten Welt-Exportschlager werden: Bruddeln zum Viertele gewissermaßen als Mercedes-Stern des Savoir-vivre. Gilt also bald ein Wasen-Besuch mit halbem Göckele und Maß samt eines ordentlichen Rausches als Weltkultur? Wenn aus Mexiko das Mariachi-Liedgut geschützt wird, sind dann nicht auch die hiesigen Fischer-Chöre schützenswert? Aber allzu viel Häme verbietet sich. Hat das Schwäbische doch in Person von Günther Oettinger schon in höchste EU-Sitzungen Einzug gefunden. Unvergessen ist auch der schwäbelnde Auftritt Barack Obamas in Berlin. Ob er sich dabei von einer mittlerweile weltbekannten Flugbegleiterin einer deutschen Fluggesellschaft (siehe unten) hat inspirieren lassen?

Wir wissen es nicht. Aber eines ist sicher: Angesichts der immer turbulenteren weltpolitischen Lage vermissen wir auf Stingels Liste den größten Beitrag Schwabens zur Kulturgeschichte der Menschheit. Wo Krise, Umsturz und Chaos Blutsbrüderschaft schließen, haben nur wir Schwaben die ultimative Antwort: die Kehrwoche.

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Über Moritz Heiser

Moritz Heiser studiert Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Der Autor schreibt seit 2002 für verschiedene Publikationen, darunter DIE ZEIT und die Stuttgarter Zeitung. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Politik und Wirtschaft.
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Eine Antwort zu Schwäbische Kultur von Weltrang

  1. Manfred Stingel schreibt:

    LIeber Herr Heiser,
    ganz schö bissig ist Ihr Komentar. Den Begriff Wertkonservativ hat ja Erhard Eppler geprägt und es spricht sehr vieles dafür sich um einiges zu kümmern. Dazu gehört neben unserer schwäbischen Sprache auch viele schöne jahrhundertealte Bräuche. Der Unterschied zwischen traditioneller Musik und „Volksdümmlicher Musik“ scheint sich Ihnen noch nicht ganz erschlossen zu haben. Regionale Identität ist wichtig und wenn sie Weltoffen gelebt wird, ist sie etwas wunderschönes. In anderen Ländern und Regionen ist man da viel weiter. Es ist keinesfalls „Großspurig“ wenn wir uns um um unser hier in Jahrhunderten enstandenes Kulturgut kümmern. Es ist die UNESCO die dazu aufruft, sich um das imaterielle Kulturerbe zu kümmern. Dass SIe „Öttinger, Kerwoch und Fischerchöre“ anführen, zeigt, dass Sie die Sache nicht begriffen haben. SIe hätten ja auch unseren 1848er Gottlieb Rau, „Papa Heuss der ein sehr guter Präsident war, oder die Geschwister Scholl und Graf Schenk voan Stauffenberg anführen können. Mir kommt es ein bißchen sehr selbstbewußt vor, wenn Sie die Menschen und ihre Eigenheiten – bei denen sie offensichtlich ihr Geld verdienen – so verächtlich betrachten. I hau nix gega d Kehrwoch.

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