Stuttgart ist nicht Münster

Radfahrer in Münster. Foto: Rüdiger Wölk

OsPo. Dass Stuttgart keine Fahrradstadt vom Range Münsters oder Freiburgs ist, erschließt sich eigentlich allein schon aus der hügeligen Topografie der Schwabenmetropole. Nur wer ein Mountainbike und ordentliche Ausdauer sein Eigen nennt, kommt hier mit dem Rad weiter. Beschränkt man sich auf die Innenstadt, ist es jedoch gar nicht einmal so unpraktisch, angesichts des allgegenwärtigen und berüchtigten Verkehrschaos das Auto stehen zu lassen und den Drahtesel zu bemühen. Im Bestreben dies zu fördern hat die Stadt die Eberhardstraße im Zentrum als reine Fahrradstraße deklariert – Radfahrer haben Vorfahrt, Autos dürfen nur eingeschränkt fahren. Nur scheint das bisher nicht viel zu bringen. Viele Autofahrer benutzen, entweder in Unkenntnis der neuen Verkehrsregeln oder diese missachtend, die Straße genau wie vor der Umwidmung. Dadurch wird das Befahren für Fahrradfahrer entgegen der eigentlichen Absicht eher gefährlicher als sicher und bequem.

Die Stadt will nun nachbessern und dem Problem durch eine geänderte Verkehrsführung begegnen, auch neue Verbotsschilder sollen aufgestellt werden. Sogar über eine Reduktion der in der Stuttgarter Innenstadt äußerst raren Autostellplätze wird nachgedacht. Und hier liegt tatsächlich der Kern des Problems verborgen: Der mächtige Einzelhandel sträubt sich verständlicherweise gegen deren Wegfall, da er das Ausbleiben kaufkräftiger Limousinenbesitzer ohne Affinität zur nicht motorisierten zweirädrigen Fortbewegung fürchtet. Doch deren Interessen allein dürfen nicht das Verkehrskonzept der im Autoverkehr erstickenden Innenstadt bestimmen.

Fahrrad- statt Autostellplätze am Hauptbahnhof Münster. Foto: Rüdiger Wölk

Es gilt nun für die Stadt, ein klares Zeichen zu setzen und gleichsam einen Präzedenzfall zu schaffen: Fördert man den Trend zur umweltfreundlichen, gesundheitsförderlichen und ökonomischen Fortbewegung, oder schafft man es nur zu einem halbherzigen Lippenbekenntnis in Form einer Pseudo-Fahrradstraße mit Alibifunktion? Es müssen ja nicht gleich Zustände wie in Münster herrschen, wo mittlerweile das große Aufkommen an Fahrradverkehr zum Problem geworden ist. Doch ein Netz wirklicher Fahrradstraßen und -wege im Zentrum täte der Stadt gut und könnte einen großen Beitrag leisten, den Verkehr dort wieder erträglich zu gestalten. Wie es geht, machen drei andere Städte im Ländle vor – natürlich unter komplett anderen Voraussetzungen.

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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