Der Spar-Mäuser

Noch arbeitet Gerd Mäuser seinen Zehn-Punkte-Plan ab. Sparen wird bei ihm groß geschrieben. Foto: Jeollo

MoH. Gerd E. Mäusers Wahl zum VfB-Präsidenten hatte im Umfeld des Vereins für einigen Unmut gesorgt. Als Kandidat der Großkopferten wurde der ehemalige Porsche-Manager bezeichnet, als Bewahrer des Status Quo, als „Duck-Mäuser“ des allmächtigen Aufsichtsratsvorsitzenden Dieter Hundt. Überregional blieben die Wirren um die sommerliche VfB-Mitgliederversammlung eigentümlicherweise medial vollkommen unbeachtet. So musste er erst 100 Tage im Amt sein, um diese Woche der Welt als erster überregionaler Zeitung einen ausführlichen Einblick in seine Amtsführung zu geben.

Auch in Stuttgart ist es ruhig geworden um die Personalie Mäuser. In Fankreisen wird er nach wie vor eher geduldet als geliebt. Aber er bietet wenig Angriffsfläche, steht kaum noch in der Öffentlichkeit. Ähnlich seinem Vorgänger Erwin Staudt lässt er seinen leitenden Angestellten Fredi Bobic und Bruno Labbadia den Vortritt. Der Präsident wirkt im Stillen und arbeitet noch an seinem Zehn-Punkte-Plan, einer Art Plan der kleinen Schritte, mit dem er bei seiner Kandidatur aufwartete. Die Punkte handeln vom Besserwerden in allen Bereichen, auch wenn man eigentlich schon auf einem guten Weg sei. Kurzum: Es geht um mehr Effektivität und Effizienz – keine Dinge mit denen man an der PR-Front punktet.

Besonders aufhorchen lässt allenfalls sein Verständnis vom „Stuttgarter Weg“: Im Fußball wird gerne von der stehenden Null geredet – Mäuser möchte die Null auch im finanziellen Bereich stehen sehen. Schwarz soll sie sein (was auch immer die schwarze von der roten Null unterscheidet), das versteht sich in der Fußball-Arithmetik von selbst. Soweit so unspektakulär – das gesunde Wirtschaften ist schließlich längst konsensfähig am Neckar. Doch anstatt in Manager- und Unternehmerkreisen um höhere Sponsorengelder zu werben, erklärt Mäuser auf diesem Gebiet das Ende der Fahnenstange für erreicht. Dabei fallen die Zuwendungen des Hauptsponsors bei den Schwaben nur halb so hoch aus wie etwa bei den Bremern, die, sportlich ähnlich erfolgreich, in einem wirtschaftlich viel bescheidenerem Umfeld agieren. Warum das so ist, musste Mäuser noch keinem erklären.

Vielmehr lautet die unwidersprochene oberste Devise des Präsidenten: sparen. Die Spielergehälter wurden dafür auf 50 Millionen Euro pro Saison eingedampft und sie sollen noch weiter schrumpfen. Höchstens 50 Prozent des Umsatzes sollen die Saläre der kickenden Angestellten künftig ausmachen. Das klingt zunächst einmal nach kaufmännischer Vernunft, ist aber bei derart schwankenden Umsätzen wie sie ein deutscher Spitzenverein hat schlichtweg nicht umsetzbar, ohne die Konkurrenzfähigkeit zu gefährden. Ein Beispiel: In der Champions-League-Saison 2007/08 machte der VfB rund 130 Millionen Euro Umsatz, in dieser Europapokal-losen Runde sollen es knapp 90 Millionen Euro sein. Wie Mäuser diese Schwankungen bei den auf Jahre vertraglich fixierten Gehältern abzubilden gedenkt, hat ihn noch kein Journalist gefragt. Es lässt aber nur den Schluss zu, dass der Präsident eher an ein Spielergehältervolumen von 45 als 65 Millionen Euro denkt. Wird aus dem Duck-Mäuser der Spar-Mäuser?

Diesen Verdacht weist der Präsident weit von sich. „Der Stuttgarter Weg ist kein Sparplan“, sagte er den Stuttgarter Nachrichten. Zusätzliche Gelder sollen etwa ins Scouting und in die Jugendarbeit gesteckt werden. Was das für die Zukunft des Vereins bedeutet, geht Mäuser nicht über die Lippen: Mit einem reinen Jugend- und Billigkonzept wird es unmöglich, sich dauerhaft unter den ersten Vier in Deutschland zu positionieren. Aufstrebende Spieler werden den VfB bestenfalls als Karrieresprungbrett zu einem größeren Verein sehen. Das hat etwas vom Hamburger SV – oder von Hoffenheim. Europäische Ambitionen sehen anders aus. Allein, reinen Wein einschenken möchte der Präsident der Öffentlichkeit nicht. Beim VfB findet die Revolution im stillen Kämmerlein statt.

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Über Moritz Heiser

Moritz Heiser studiert Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Der Autor schreibt seit 2002 für verschiedene Publikationen, darunter DIE ZEIT und die Stuttgarter Zeitung. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Politik und Wirtschaft.
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