Ein Würfel im Blickfeld

Der Würfel auf der Brache. Foto: MSeses

MoH. Wenn die neue Stadtbibliothek heute eingeweiht wird, ist das ein großer Tag für alle Bücherwürmer in der Stadt – keine Frage. Und dennoch hat kaum ein Neubau die Gemüter so sehr gespalten, wie der große Würfel auf dem A1-Areal von Stuttgart21. Groß und Klein hat mitdiskutiert, tiefe argumentative Gräben haben die Schwabenmetropole durchfurcht: Aufwertung des neuen Viertels oder Abschiebung einer Kulturinstitution? Leuchtturm der Bildung oder reines Prestigeobjekt? Architektonisches Highlight oder „Stammheim II“?

Doch man tut dem innerstädtischen 40 auf 40 auf 40 Meter-Kubus unrecht, ihn mit dem Stammheimer Knast auf eine Stufe zu stellen. Die Justizvollzugsanstalt (JVA) strahlt noch nach Jahrzehnten in blühendem Weiß, wohingegen die Bibliothek schon vor ihrer Einweihung äußerlich eher fahl daher kommt. Ganz zu schweigen vom nächtlichen Anblick: die ganz in bunten Bonbon-Trendfarben illuminierte Fassade des Kulturtempels kann einpacken gegen das erhabene Alpenweiß, welches Dutzende Überwachungsscheinwerfer auf die Hülle der JVA projizieren. Ein Auswärtiger auf nächtlicher Sightseeing-Tour soll einmal ehrfurchtsvoll erstarrt sein: „Ich wusste gar nicht, dass es in Stammheim einen so großen Marmorpalast gibt! Wo ist denn nun eigentlich das Gefängnis?“

Nachts erstrahlt "Stammheim II" in Bonbon-Trendfarben.

Ein vergleichbares Aha-Erlebnis mit der neuen Bibliothek des Architekten Eun Young Yi bleibt noch aus, während sie reichlich verloren inmitten der Riesenbrache am Hauptbahnhof trohnt. Auch einen Besuch Jean-Paul Sartres kann sie im Gegensatz zum Stammheimer Gefängnis nicht vorweisen. Selbst im kulturellen Vergleich hat der Würfel also schlechte Karten. Gerüchte, Cäsars berühmtestes Bonmot („Alea iacta est.“) habe dem Stuttgarter Betonungetüm gegolten, sind jedoch völlig haltlos. Der Würfel ist nicht gefallen, nun steht er da. Immerhin, die Bibliothek hat eine rosige Zukunft vor sich: Was wie die Faust aufs Auge passt, gerät nur schwerlich aus dem Blickfeld.

Mehr zur neuen Stadtbibliothek:

– StZ Online bietet einen ausführlichen virtuellen Rundgang durch die neue Stadtbibliothek: Flash-Animation auf StZ Online.
Mehr zum langen Eröffnungsmarathon findet sich auf der Seite der Bibliothek: Neue Bibliothek Stuttgart.
– Bücher ausleihen geht im 21. Jahrhundert auch aus der Ferne: Online-Ausleihe.
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Über Moritz Heiser

Moritz Heiser studiert Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Der Autor schreibt seit 2002 für verschiedene Publikationen, darunter DIE ZEIT und die Stuttgarter Zeitung. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Politik und Wirtschaft.
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2 Antworten zu Ein Würfel im Blickfeld

  1. Pingback: Stammheimer Links XLVI « Stammblog.de

  2. Moritz Heiser schreibt:

    Anscheinend gibt es auch noch ganz andere Assoziationen, die der Würfel weckt 🙂
    Hier das Original: http://twitpic.com/2m6ifi
    Da die bessere Ausführung: http://www.fakeblog.de/2010/09/14/stuttgart-21-wird-die-neue-bibliothek-in-stuttgart-zweckentfremdet/

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