Plumpe Stimmungsmache – StN: Wie lange noch?

OsPo. Unbestritten, man kann geteilter Meinung sein darüber, wie Winfried Hermann (Grüne) sein Amt begreift und ausfüllt. Der Landesverkehrsminister eckt bereits seit den ersten Tagen seiner noch jungen Amtszeit an, wo er nur kann. Unwillens seine offen demonstrierte Ablehnung gegenüber Stuttgart21 abzulegen, nur weil er plötzlich nicht mehr der Opposition angehört, hält er an getätigten Wahlversprechen fest und brüskiert damit auf oft recht kompromisslose Weise Koalitionspartner und Opposition. Die einen nennen das Integrität, für die anderen ist es weltfremd und schädigt den guten Ruf des Landes – das zumindest ist die Meinung des Autors Jörg Hamann, die er in einem Kommentar für die Stuttgarter Nachrichten (StN) der Öffentlichkeit vermacht.

Nun ist grundsätzlich nichts daran auszusetzen, dass in einer großen regionalen Tageszeitung ein tendenziöser Kommentar zu einem mehr als hitzig diskutierten Thema erscheint – dafür ist die Textsorte gedacht. Fragwürdig ist allerdings, ob ein derart eindimensionales wie schreihälsiges Textchen wie im vorliegenden Fall wirklich den Standpunkt einer Redaktion zu einer solch diffizilen Sachlage wiedergeben sollte. Man kann sich kaum des Eindrucks erwehren, die StN hätten nichts dagegen als Organ für die plumpen Anwürfe zu dienen, denen sich der grüne Teil der Landesregierung ob seiner Schwierigkeiten, Regierungsverantwortung mit Parteilinie und bestehenden Verträgen zu vereinbaren, ausgesetzt sieht.

Bereits die Überschrift des Kommentars lässt keinen Zweifel an den Absichten des Autors. Die rhetorische Frage „Hermann: Wie lange noch?“ versucht gar nicht erst zu verhehlen, dass hier jemand seine publizistische Macht nutzen will. Es folgt eine Auflistung vermeintlicher Fauxpas Hermanns und Winfried Kretschmanns (Grüne) unter weitgehendem Verzicht auf wesentliche Details, die die Geschehnisse in einem anderen Licht erscheinen lassen. Aufs Äußerste verzerrt wird etwa dargestellt, wie Hermann und Kretschmann sich bis zuletzt gegen eine Auszahlung der 50-Millionen-Euro-Rate für Stuttgart21 an die Bahn stemmten. Als Rechts- und Vertrauensbruch wird die Weigerung dargestellt, jedoch mit keinem Wort erwähnt, dass gerade Gerechtigkeitssinn und Rückgrat die Motivation für das mithin legitime Vorgehen waren: Die verfassungsrechtlichen Bedenken gegen die S21-Finanzierung (die Kretschmann übrigens schon früh formuliert hat) sind schließlich nicht einfach beiseite zu wischen – ganz abgesehen von der Tatsache, dass die Bahn selbst und mit ihr die Projektbefürworter in Sachen Finanzierung in einem äußerst fragilen Glashaus sitzen. Der Kommentar schließt mit der Diffamierung Hermanns als „Querkopf“ und „Minister für Opposition“. Auch hier fragt man sich, ob das das sprachliche und inhaltliche Niveau ist, auf dem in einer renommierten Stuttgarter Tageszeitung über Politik diskutiert werden soll.

Die – je nach Standpunkt durchaus gerechtfertigte – Kritik an Hermann und Ministerpräsident Kretschmann ist eine Sache. Auf einem anderen Blatt steht der differenzierte Umgang mit komplexen Sachverhalten und die Wahrung einer gewissen journalistischen Objektivität auch beim Verfassen eines Kommentars. Genau dies geht Hamanns Kommentar ab – und das macht ihn zu platter Propaganda wie man sie sonst eher von den Kollegen des Boulevards gewohnt ist. Eigentlich passt das sogar ganz gut ins Bild, haben doch gerade die StN in puncto Stuttgart21 fast gänzlich ihre Unabhängigkeit aufgegeben und schreiben ungeniert der Finanz- und Immobilienlobby nach dem Mund. Es ist gut, dass mittlerweile an anderer Stelle Versuche unternommen werden, der politischen Funktion der Presse als Vierter Gewalt auf eine Weise nachzukommen, für die man sich nicht fremdschämen muss – mit solcherlei Pamphleten leistet die etablierte Stuttgarter Presse dazu jedenfalls keinen Beitrag, sondern stellt sich in Sachen journalistische Qualität und Glaubwürdigkeit ins Abseits.

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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