Stress nach dem Test

MoH. Mit seinem Kompromissvorschlag hat Heiner Geißler am Ende alle überrascht. Die Gegner von Stuttgart21 reagierten vorsichtig angetan bis skeptisch, Bahnvorstand Kefer wirkte gar leicht konsterniert und andere Befürworter wiesen die Kombilösung gleich zurück. In der Tat scheint es unrealistisch, nun in der Planung wieder von vorne zu beginnen. Dies gilt zumal, als die Geißler’sche Lösung schon in den neunziger Jahren vorlag – und verworfen wurde. Geißler wollte mit seinem Vorschlag Frieden stiften, aber nach Lage der Dinge eröffnet er damit nur eine weitere Konfliktlinie beim immer undurchschaubarer werdenden Ringen um den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof.

Hatte Geißler in der Schlichtung noch viele Kritikpunkte der S21-Gegner anerkannt, um sie dann in ein „Stuttgart21 plus“ zu inkorporieren, agierte der erfahrene Schlichter nun genau umgekehrt. Zuerst attestierte er dem unterirdischen Bahnhof nach dem Stresstest das Prädikat „Premium“ zu verdienen, bevor er dann doch noch einen Joker aus dem Ärmel zog, der mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Die Fragen nach Raumordnung und Baurecht sind da nur die offensichtlichsten. Mit seiner Volte hat Geißler zumindest eines erreicht: er selbst ist fein heraus, hat er doch ein „wirkliches“ Friedensangebot unterbreitet. Nach der ersten Schlichtung hagelte es noch Kritik, der Jurist habe wegen seinem Respekt vor dem Baurecht keine befriedigende Lösung vorgeschlagen. Der jetzt vorliegende Vorschlag wirft alles juristische Kleinklein über den Haufen – umso unrealistischer und vor allem konfliktträchtiger wird er dadurch. Heiner Geißler hat als Moderator überzeugt, bisweilen geglänzt – als Schlichter ist er gescheitert.

Natürlich ist das keine neue Erkenntnis. Von Anfang an war das grundlegende Problem der Schlichtung, dass sie viel zu spät kam. So diente sie im S21-Konflikt nur zur Beruhigung der Gemüter. Als „Stuttgarter Modell“ wird sie aber in Zukunft als Form der Bürgerbeteiligung in der gesamten Bundesrepublik als Leuchtturm dienen. Für die Gegner von S21 ist dies ein schwacher Trost. Dennoch sollten sie den Stresstest – bei all seinen umstrittenen Punkten – nun als bestanden akzeptieren und den Bauprozess kritisch und konstruktiv begleiten. Sie haben trotz weit fortgeschrittener Planung viele Modifikationen im Sinne der Bürger erreicht. Das verdient Anerkennung und auch Dank für den vielfachen ehrenamtlichen Einsatz: Ohne den Druck von der Straße wäre S21 deutlich schlechter umgesetzt worden.

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Über Moritz Heiser

Moritz Heiser studiert Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Der Autor schreibt seit 2002 für verschiedene Publikationen, darunter DIE ZEIT und die Stuttgarter Zeitung. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Politik und Wirtschaft.
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2 Antworten zu Stress nach dem Test

  1. Theo schreibt:

    Im Prinzip stimme ich zu. Die Proteste müssen irgendwo enden und sich nicht als Selbstzweck auffressen, bis irgendwann das Vorbildhafte aufgebraucht ist. Die Bürgerbeteiligung wurde als wichtiges Planungselement erkannt und wird hoffentlich für andere Projekte genutzt werden. S21 aber ist vorbei.

  2. mauzipauzi schreibt:

    Streiten sich zwei und kommt ein Dritter… Der kriegt auf die Nase. Gut gemeint war das sicher, der Vorschlag von Herrn Geißler, aber was hat es gebracht? Nichtsdestotrotz: Hut ab vor Herrn Geißler und all den anderen Menschen, die sich nicht einfach auf stumm schalten lassen.

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