Übers Berg

MoH. Stuttgart, Stadt der Mineralquellen. So wird das offiziell gerne verlautbart und so brüstet man sich auch gerne mit dem „zweitgrößten“ Mineralwasservorkommen Europas – nach Budapest, wie schnell noch zur Bekräftigung hinterhergeschoben wird. Der erhoffte Effekt dahinter ist klar: Das Image der vermeintlich grauen Industriestadt soll durch das erholsame, ja geradezu idyllische Bild der Bäderstadt ersetzt werden. Doch gemessen an der Bedeutung der Quellen geht Stuttgart seit jeher stiefmütterlich mit diesem Potenzial um.

Gerade einmal drei Mineralbäder gibt es auf Stuttgarter Gemarkung. Das Leuze mit seinem fragwürdigen Plastik-Charme, das marode Bad Berg und das immerhin generalsanierte historische MineralBad Cannstatt. Und soll es nach den jüngsten Sparvorschlägen der Stadtverwaltung gehen, werden aus drei bald zwei – oder zumindest zweieinhalb – Bäder. Das traditionsreiche Bad Berg steht auf der Kippe. Noch diskutiert man, wie das Bad im Stadtteil Berg erhalten werden könnte. Aber geht es nach der Stadt, wird es allenfalls ein Rumpfbetrieb sein: ein Freibad, wahlweise im Sommer- oder Ganzjahresbetrieb. Welch hohes Stuttgarter Gut damit in Gefahr ist, hat ein prominenter Berg-Stammgast in seiner Kolumne in den StN prägnant verdeutlicht. Neben prominenten Badegästen kritisieren freilich auch viele Bürger das drohende Ende des „Neuners“ in seiner jetzigen Form.

Doch in einem entscheidenden Punkt hat die Stadt recht: Bäder sind Zuschussbetriebe für die Kommune, es stellt sich also immer auch die Kosten-Nutzen-Frage. Die Besucherzahlen des kleinsten Mineralbads fallen gegenüber denen der beiden großen kaum ins Gewicht. Eine „große Lösung“ (inklusive Erhalt des Innenbereichs) wäre für die Stadt finanziell eine große Belastung. Der Gemeinderat lässt sich die Sommerpause Zeit, das Problem noch einmal gründlich zu überdenken. Diese Zeit sollten auch die zum Großteil gut vernetzten Berg-Anhänger nutzen: Sie dürfen nicht nur Forderungen stellen, sondern müssen der Stadt auch ein Angebot zu Alternativen und Finanzierungsmöglichkeiten machen.

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Über Moritz Heiser

Moritz Heiser studiert Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Der Autor schreibt seit 2002 für verschiedene Publikationen, darunter DIE ZEIT und die Stuttgarter Zeitung. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Politik und Wirtschaft.
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