Landesstaustadt

Selten fließt der Verkehr auf der A8 bei Stuttgart so flüssig wie auf diesem Bild.

MoH. Der tägliche Stau in der Region Stuttgart ist ein Ärgernis, das alle kennen – ob Berufspendler, innerstädtischer Verkehrsteilnehmer oder Durchreisender. Es erstaunt schon, wieviel wertvolle Lebenszeit ein jeder in einer der Blechlawinen der Schwabenmetropole verbringt; mal leise murrend, gerne vernehmlich bruddelnd und immer dann laut aufschreiend, wenn die eigenen Staukilometer in einen direkten Zusammenhang zum Länderfinanzausgleich gesetzt werden. Doch durch diese Kakofonie klingt letztlich das grundlegende Problem: Oft kann man den Eindruck gewinnen, bei Stuttgart handele es sich nicht um die Landeshaupt- sondern die Landesstaustadt.

Stuttgart versteht sich als Autoregion, als „Motor Europas“. Hunderte Millionen und manchmal mehr werden jährlich in Ausbau und Erhalt des Straßennetzes in der Region gesteckt. Und trotzdem verändert sich nichts, die Blechlawinen gigantischen Ausmaßes dominieren den Ballungsraum wie eh und je – und das trotz teils umstrittener Neu- und Ausbauten. Selbst im baden-württembergischen Generalverkehrsplan wurde nun festgehalten, dass dem täglichen Wahnsinn im automobilen Individualverkehr durch den weiteren Ausbau des Straßennetzes nicht Abhilfe zu leisten ist. Auch intelligente Verkehrsleitsysteme ändern daran nichts Grundlegendes. Es lohnt sich also ein Blick auf andere Mittel und Wege, den Menschen in der Region komfortable Mobilität zu ermöglichen.

Während im besonders belastenden Güterverkehr der Bund in der Verantwortung stünde (Güter von der Straße auf die Schiene zu verlagern), haben Stadt und Land es selbst in der Hand an folgenden Schrauben zu drehen:

Die S-Bahn gilt als das Rückgrat des Nahverkehrs in der Region. Foto: Daniel Ostertag

Der öffentliche Nahverkehr müsste massiv ausgebaut werden. Welche Chancen dazu Stuttgart21 für den S-Bahn-Verkehr böte – wenn man sie denn aufgriffe – hat das StT schon an anderer Stelle aufgezeigt. Teile dieses Konzepts könnten aber auch ohne S21 realisiert werden. Durch eine bessere Verknüpfung des S-Bahn-Netzes und einen höheren Takt gewönne das viel beschworene „Rückgrat des VVS“ an Attraktivität gegenüber dem Auto. Zudem sollte man prüfen, ob es umsetzbar ist, an den Schnittpunkten von S-Bahn-Strecken und Autobahnen/Bundesstraßen Park&Ride-Haltestellen zu schaffen. So könnten vor allem Pendler und Touristen leichter umsteigen – denn wer sich einmal durch den Stau der Außenbezirke bis zu den bestehenden P&R-Stationen (in Obertürkheim, Zuffenhausen oder Degerloch) gekämpft hat, lässt sich auch von den restlichen Staukilometern kaum noch abschrecken. Außerdem müsste die Anzahl der Querverbindungen von S- und U-Bahn-Linien rascher forciert werden. Optimierungsbedarf besteht auch bei den Umsteigemöglichkeiten von Regionalbahnen auf die S-Bahn im Stadtgebiet.

Doch auch der Individualverkehr sollte gestärkt werden – und zwar der auf zwei Rädern. Das gilt insbesondere für das Fahrrad. Viele Stuttgarter haben es in den vergangenen Jahren trotz hügeliger Topografie wieder für sich entdeckt. Es gibt aber noch viel zu wenige Radwege und Stellplätze, um das Radfahren insbesondere in der Innenstadt zu erleichtern. Dass Radwege im engen Kessel räumlich in direkter Konkurrenz zu Fahrspuren oder Parkplätzen für Autos stehen, macht sie vor allem für die Autofahrerlobby und liberal-konservative Gemeinderäte zum Roten Tuch. Doch unter den gegebenen Mehrheiten sollte deren Widerstand zu knacken sein.

Die Erkenntnisse des Generalverkehrsplanes sind eigentlich nicht neu. In einem offiziellen Papier des Landes fand man die Formulierung der Machtlosigkeit gegen den Stau bis dato aber nicht. Das Umdenken hat begonnen. Wann, wenn nicht jetzt, mit Mitte-Links-Mehrheiten in Stadt und Land, sollte das massive Umsteuern in der Verkehrspolitik gelingen? Die Bürger würden es der Politik danken: Sie kämen schneller von A nach B, ihre Luft wäre weniger verpestet, ihre Gesundheit würde besser und ihr Stress wäre geringer. Es würden wirklich alle davon profitieren – selbst die Autofahrer.

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Über Moritz Heiser

Moritz Heiser studiert Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Der Autor schreibt seit 2002 für verschiedene Publikationen, darunter DIE ZEIT und die Stuttgarter Zeitung. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Politik und Wirtschaft.
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Eine Antwort zu Landesstaustadt

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