VfB-Präsidentenwahl: Wie einst im Politbüro

OsPo. Dass es in der Vereinsführung des VfB Stuttgart einiger personeller und struktureller Veränderungen bedarf, ist schon seit längerem klar. Das haben auch viele Anhänger und Figuren aus dem Umfeld begriffen. Dementsprechend ist seit Monaten ein Kampf um die Neuwahl des Präsidenten auf der nun für den 17. Juli angesetzten Mitgliederversammlung entbrannt. Zuerst trat der Stuttgarter Banker Björn Seemann auf und bewarb sich erfolglos beim Aufsichtsrat um eine Kandidatur. Denn – so absurd das scheint – beim VfB entscheidet allein der Aufsichtsrat darüber, wer der Mitgliederversammlung zur Abstimmung vorgeschlagen wird. Seemann war den Herren Hundt & Co. anscheinend suspekt. Das ist nicht weiter verwunderlich, drängt der 39-jährige doch auf mehr Transparenz und eine Verteilung der Macht in den Führungsgremien. Doch gerade Dieter Hundt, Industriekapitän und Machtmensch, fiele es wohl nicht im Traum ein, zum Wohle des Vereins die Macht zu teilen.

Statt Seemann oder Helmut Roleder, Ex-VfB-Spieler und Kandidat einer anderen Oppositionsgruppe, will Hundt den ehemaligen Porsche-Manager Gerhard Mäuser wie einst im Politbüro gleichsam per Akklamation zum Präsidenten küren lassen. Um dessen Einsetzung zu verhindern, wären auf der Mitgliederversammlung astronomische 75 Prozent aller Stimmen nötig. Es sieht also alles andere als gut aus für alle, die sich beim VfB wieder mehr fußballerischen Sachverstand, Transparenz und eine klare Linie in der Vereinspolitik erhoffen. Solange Dieter Hundt und seine Pappkameraden am Neckar das Sagen haben, wird sich daran wohl auch nichts ändern.

Unabhängig von allen Regularien: Wäre Hundt davon überzeugt, dass seine Politik für den Verein das Beste ist, hätte er es nicht nötig, beim VfB nach barocker Art durchzuregieren. Eine Kampfabstimmung zwischen Mäuser und einem Kandidaten der Opposition brächte entweder den wünschenswerten Umbruch oder aber die totale Legitimation von Hundts Alleinherrschaft – allemal ein belastbares Ergebnis. So aber wird die Wahl zu einer Farce und die Mitgliederversammlung zum zahnlosen Fantreffen degradiert, das bloß den Kandidaten der Partei… äh… Vereinsführung abnicken darf. Den Stuttgarter Nachrichten scheint das alles nicht besonders bemerkenswert. Lieber verbreitete man dort die Ente, Björn Seemann wolle „wegen Aussichtslosigkeit“ nun nicht mehr Präsident werden. Auch hier werden also alle Register gezogen, um in der Opposition Verwirrung zu stiften – der irritierte Seemann dementierte die Meldung umgehend.

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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5 Antworten zu VfB-Präsidentenwahl: Wie einst im Politbüro

  1. Sven Predeschly schreibt:

    Interessanter Artikel, dem kann ich inhaltlich nur zustimmen !!

    Eins ist aber nicht richtig, den Kandidaten von Herrn Hundt kann man zunächst schon mit lockeren 50+1 (Mehrheit) nicht wählen und so Herrn Hundt die erste Niederlage zufügen, d.h. die Mitglieder müssen eben schlicht und einfach gegen Mäuser stimmen. Dann ist fraglich, ob Mäuser nochmals antritt (laut Aussage im Vereinsmagazin DUNKELROT wohl eher nicht) und ob der Verein dann nicht sogar das Gespräch mit seinen Kritikern sucht. Nur für die Satzungsänderung braucht man 75%.

    • Oskar Powalka schreibt:

      Lieber Sven Predeschly,

      Danke für Feedback und Kritik!

      Sie haben natürlich Recht: Um Mäuser zu verhindern, reicht eine einfache Mehrheit. Um das Problem bei der Wurzel zu packen, braucht es allerdings die unwahrscheinliche Dreiviertelmehrheit zur Satzungsänderung. Insofern ist auch meine diesbezügliche Formulierung falsch.

      Das ist in der Tat eine Variante, die ich nicht bedacht hatte: Was passiert, wenn Mäuser zunächst keine einfache Mehrheit erreicht…
      Wohl möglich, dass dann ein inszenierter Dialog mit der Opposition ein Eingehen Hundts auf deren Kritik suggerieren soll. Doch gelöst ist das Problem damit ja nicht, da Hundt dann immer noch am längeren Hebel säße. Es ist m.E. kaum vorstellbar, dass sich die Vereinsführung unter Herrn Hundt in dem Maße öffnet, wie es für eine gesunde Neuaufstellung der Vereinsgremien nötig wäre.
      Insofern wäre ein Scheitern Mäusers zwar ein Denkzettel und ein kleiner Erfolg für die Opposition. Letztendlich dürfte es aber, nach meiner Einschätzung, leider keine wirkliche Besserung nach sich ziehen.

  2. Ulrich Strohmaier schreibt:

    Warum um alles in der Welt sollte Mäuser verhindert werden. Wer will den Maßstab ansetzen, und sagen, der Roleder ist ein Super-Präsident und der Mäuser ein Vollpfosten. Nur weil er seit Jahren im Aufsichtsrat sitzt, Einblicke in die Abläufe hat,und mit ziemlicher Sicherheit ein sehr gutes Netzwerk in der Wirtschaft hat.
    Ich war gestern auch auf der Mitgliederversammlung und habe von unserem Ex-Torwart nichts neues gehört. Außerdem bin ich der Meinung, dass er, wenn er wirklich Präsident werden wollte,
    vielleicht ein bißchen kämpferischer sich darstellen sollen.
    Die ganze Sache ging ja nicht um Mäuser oder Roleder oder Seemann. Es ging doch ausschließlich um Hundt. Und der hat ja schließlich einen ordentlichen Denkzettel bekommen.
    Ich bin davon überzeugt, dass Hr. Hundt seine Lehren daraus gezogen hat, bzw. innerhalb des Aufsichtsrats diese gezeigt bekommt.
    Und dann will ich Euch noch sagen was mir wichtig ist,
    dass unser VfB Samstags um halb vier eine gute Figur macht.
    Und das ist Sache von Bruno und Fredi.
    Erwin, Dieter und Konsorten schießen nämlich keine Tore.

  3. Moritz Heiser schreibt:

    @Ulrich Strohmaier: Die Frage ist doch, ob Hundt die richtigen Lehren aus der Situation zieht. Dass sich „etwas ändern muss“, hat er schon auf der MV angekündigt. Aus seiner Art und seinem Selbstverständnis lässt sich da eher Spaltendes als Versöhnendes erahnen… Staudt hat den VfB nach eigener Aussage zum „Mitgliederverein“ umgeformt, indem er die Mitgliederzahlen mehr als vervierfacht hat – Hut ab dafür! Es sollte aber nicht sein, dass in einem „Mitgliederverein“ die Mitglieder nur Stimmvieh sind. Vielleicht sind Roleder oder Seemann wirklich nicht besser als Mäuser – sie sind aber auch keine bloßen Halodris, vor denen die Beschränkung in der VfB-Satzung vorgeblich schützen soll. Der Aufsichtsrat hätte gut daran getan mehrere, auch Oppositions-, Kandidaten aufzustellen. So hat er nur den Verein in eine tiefe Spaltung geführt, die es so seit der Mayer-Vorfelder-Ära nicht mehr gegeben hat.

  4. Ulrich Strohmaier schreibt:

    Hallo Moritz,
    ich bin natürlich Deiner Meinung, dass eine Wahl auch eine Wahl sein sollte.
    Auch ich bin darüber enttäuscht, dass ich als Mitglied nur abnicken oder durchwinken kann, und nicht wie es sein sollte, zwei oder mehrere Alternativen abwägen und dann entscheiden kann.
    Zum großen Zamabano D.H. denke ich heute, nachdem ich die Zeitung gelesen habe,
    schon wieder etwas anders. Die Aussage, „dieses Ergebnis belastet mich überhaupt nicht“, stimmt mich doch sehr nachdenklich. Entweder ist das der Altersstarrsinn oder er meint immer noch, dass er immer alles richtig macht. Auch bei SWR1 Leute wurde er von einem Journalisten aufgefordert, abzutreten und jüngeren Platz zu machen. Seine Antwort lautete: ich bin gewählt, und sehe keine Veranlassung den Aufsichtsrat zu verlassen.
    Wenn D.H. am Sonntag abgewählt worden wäre, hätte es den VfB weiterhin gegeben.

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