Schlechtes Timing in Sachen Nachhaltigkeit

Der World Wide Fund for Nature (WWF) ist die weltweit größte Nichtregierungsorganisation (NGO), die sich dem Naturschutz verschrieben hat. In groß angelegten Werbe- und Spendenkampagnen setzt er sich etwa für den Erhalt gefährdeter Arten und des Regenwalds ein. Dass das Engagement des WWF kritisch zu bewerten ist, deckte eine am Mittwoch in der ARD ausgestrahlte Dokumentation auf. Dort wurde – neben anderen dubiosen Aspekten der Tätigkeit der Stiftung – offenbar, dass die vom WWF eingeführte Zertifizierung für den „nachhaltigen“ Anbau von Ölpalmen ein klarer Fall von so genanntem Greenwashing ist: Die Industrie, die auf den billigen Rohstoff setzt, lässt sich von den vermeintlich hehren und unabhängigen Naturschützern die ökologische Unbedenklichkeit ihrer Plantagen bescheinigen. Im Gegenzug zeigt sie sich gegenüber dem WWF erkenntlich.

Der ARD-Film machte die Kritik nun einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Die für eine NGO vom Range des WWF gefährliche und bedenkliche Nähe zur Industrie wurde allerdings schon in der Vergangenheit kritisch beäugt. Das ist den Verantwortlichen der Stuttgarter Nachrichten offensichtlich entgangen. Anders ist es kaum zu erklären, dass dort am Dienstag eine Reportage erschien, in der die Arbeit des WWF in Sachen Nachhaltigkeit in der Palmölproduktion als dem Umweltschutz dienlich propagiert wird: „Allerdings wurde schon 2004 auf Initiative des WWF der Runde Tisch Palmöl (RSPO) gegründet. Der freiwillige Zusammenschluss von Organisationen und Firmen hat Kriterien für eine nachhaltige Produktion entwickelt und bietet eine entsprechende Zertifizierung an.“ Über genau jenen Runden Tisch weiß die ARD-Doku zu berichten, dass das dort verliehene Zertifikat die zweifelhaften Machenschaften der Industrie legitimieren soll. Auch von anderen Naturschutzorganisationen wie Greenpeace wird das RSPO-Siegel als wirkungslos kritisiert.

Die Reportage des Stuttgarter Blatts hört da auf, wo kritischer Journalismus eigentlich ansetzen sollte. Ob das nun der Arbeitsweise des Autors oder der Nachlässigkeit der Verantwortlichen bei den StN anzulasten ist, sei dahingestellt. Dennoch ist es auffällig, dass gerade in Veröffentlichungen der StN zu Umweltthemen der WWF recht häufig unkritisch als Autorität herangezogen wird (weitere Beispiele: hier und hier). Das tun zwar auch andere Medien. Und sicher ist das Engagement des WWF, gerade an der Basis, auch nicht durchweg unseriös. Ein wenig mehr Distanz zu einer Organisation, die von vielen Seiten kritisiert wird, stünde einem Qualitätsblatt wie den StN jedoch allemal gut zu Gesicht. Im aktuellen Fall hatte man halt auch noch Pech mit dem Timing: Just einen Tag nachdem die den WWF abfeiernde Reportage online war, zerstörte Wilfried Huismann mit seinem Film die schönen Nachhaltigkeitsphantasien.

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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3 Antworten zu Schlechtes Timing in Sachen Nachhaltigkeit

  1. Hey, der Artikel ist klasse…und erschreckend, wenn sogar Organisationen wie der WWF Greenwashing betreiben; von Nestlé war es damals ja nun schon eher zu erwarten (Greenpeace Kampagne KitKat: http://www.myvideo.de/watch/7408020/Have_a_Break_Kitkat_ein_suesser_Riegel_mit_bitterem_Beigeschmack !

    Wir diskutieren übrigens nächste Woche am 08.07. über Nachhaltigkeit in der Wirtschaft im Literaturhaus in Stuttgart:) -> camp.initiative-nawi.org

    Ich hoffe das wird hier nicht als Werbung angesehen:) ich finde an diese Stelle passt die Einladung zum unserem nachhaltigkeitscamp aber gut!

    • Oskar Powalka schreibt:

      Solcherart Werbung lassen wir doch gerne durchgehen 😉
      Das klingt sehr interessant, ein wichtiges Thema dessen Ihr Euch da angenommen habt. Leider ist momentan niemand von uns in Stuttgart, sonst würden wir gerne mal vorbeischauen. Wünsche fruchtbare Diskussionen!

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