Das Problem mit dem Leonhardsviertel

Leiht dem Viertel ihren Namen: die Leonhardskirche. Foto: MSeses

OsPo. Das Stuttgarter Leonhardsviertel ist eigentlich eine der schöneren Ecken der Landeshauptstadt. Seit Jahrzehnten ist die Gegend um die Leonhardskirche und das Gustav-Siegle-Haus allerdings auch das Zentrum der Prostitution, das sogenannte Rotlichtviertel. Ebenfalls seit Jahrzehnten regt sich der Widerstand der Anwohner gegen Bordelle und andere Amüsierbetriebe. Der florierende Straßenstrich und das halbherzige Engagement der Behörden verleiden so manchem Bürger das Wohnen in dem nur einen Steinwurf von der Innenstadt entfernten Stadtteil.

Nun unternimmt der Gemeinderat, angeregt von Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (Die Grünen), einen erneuten Versuch, die Prostitution einzudämmen und das Viertel wieder aufzuwerten. Dabei hat die Stadt selbst wohl einen großen Anteil am gegenwärtigen Zustand. Es stellt sich allerdings die grundsätzliche Frage, ob in diesem Fall urbanes und doch beschauliches Wohnen mit dem Bedürfnis der Stuttgarter nach sexuellen Dienstleistungen überhaupt in Einklang zu bringen ist. Denn so viel ist klar: Ohne genügend Kundschaft gäbe es auch keine Prostitution. Und die macht sich eben dort breit, wo es sich gerade anbietet. Zwar begehen die auf dem Straßenstrich tätigen „Dirnen“, wie der Autor der Stuttgarter Zeitung die Prostituierten in einem Anflug von Sozialromantik euphemistisch zu nennen beliebt, eine Ordnungswidrigkeit. Doch ist es praktisch unmöglich, diese wirksam zu ahnden: Nach einigen Wochen Ausbeutung tauschen die Menschenhändler ihre Opfer ohnehin gegen andere aus.

Ob eine halbherzige städtische Kampagne das Gewerbe tatsächlich zurückzudrängen vermag, ist also äußerst fraglich. Der Traum vom netten, familiengerechten Viertel in Stadtnähe ohne das verteufelte Rotlichtmilieu wird sich durch Verbote von Bordell-Neueröffnungen allein jedenfalls nicht realisieren lassen. Die Stadt steckt hier in einem Dilemma: Einerseits möchte man das Leonhardsviertel aufwerten, andererseits hat man keine wirksame Handhabe, um das Geschäft mit der körperlichen Liebe zu verdrängen. Das ist ja auch gar nicht das Ziel, schließlich gehört das Rotlichtviertel zur Stuttgarter Innenstadt wie die Königstraße und der Schlossgarten. Es gibt also keine einfache, radikale Lösung für dieses Problem. Das ist auch der Grund dafür, dass sich an der Situation seit Jahrzehnten nichts wesentliches geändert hat. So wird auch der aktuell angeregten Initiative wahrscheinlich wenig Erfolg beschieden sein.

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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