Der VfB am Abgrund: Fluch oder Segen?

OsPo. Trotz des wichtigen Sieges am Samstag in Köln schwebt der VfB Stuttgart weiter in höchster Abstiegsgefahr. Im Vergleich zur Konkurrenz um den Klassenerhalt haben die Stuttgarter das nominell mit Abstand schwerste Restprogramm, und auch die schaurig-schöne Regelmäßigkeit,  mit der der VfB diese Saison ordentlichen Auftritten Grottenkicks folgen lässt, deutet auf Spannung bis zum letzten Spieltag hin. Ein Abstieg stellte für den „Traditionsverein“ nach einmütiger Diktion den größten anzunehmenden Unfall dar und käme einer nie gekannten Demütigung des Vereins und seiner Anhänger gleich.

Betrachtet man die Situation jedoch nüchtern, stellt sich heraus, dass gerade der Gang in die zweite Liga äußerst heilsam sein könnte. Zwar würde dieser den Stolz der Fans arg kränken und auch wirtschaftliche Einschnitte bedeuten. Ein sehr wahrscheinlicher sofortiger Wiederaufstieg könnte den Schaden auf diesen Gebieten allerdings auf ein erträgliches Maß begrenzen. Die personellen und strukturellen Konsequenzen eines Abstiegs könnten sich auf mittlere Frist gar als Segen erweisen: Sollte der VfB absteigen, würde die ansonsten für Oktober angesetzte Mitgliederversammlung, auf der Präsident Erwin Staudt abgewählt werden soll, auf die Sommerpause vorgezogen. Einem für den Verein potenziell sehr gefährlichen Machtvakuum an der Führungsspitze würde so vorgebeugt. Ebenfalls fraglich wäre der Verbleib von Manager Fredi Bobic und Trainer Bruno Labbadia, deren fragwürdige Kompetenz und teilweise unsinnigen Entscheidungen dem Verein nicht immer zum Vorteil gereichen. So könnte, zunächst in der Zweiten, später fortgesetzt in der Ersten Bundesliga, unter einer runderneuerten Führung ein so oft zitierter aber selten wirklich durchgesetzter Neuanfang gelingen. Spieler im Bundesligakader, deren hohe Gehälter längst nicht mehr durch entsprechende Leistungen gerechtfertigt sind, würden verkauft, eigene Jugendspieler wieder gefördert und mit einer echten Perspektive an die erste Mannschaft herangeführt.

Soweit das Potenzial – so absurd der Ausdruck scheinen mag – eines Abstiegs. Doch schieres Potenzial sichert noch längst nicht dessen Realisierung. Ein Ersetzen der derzeitig Verantwortlichen durch andere gewährleistet nicht automatisch, dass den Mängeln auch abgeholfen wird. Ein Zwangsverkauf großer Teile des Bundesligakaders brächte erhebliche Abstriche bei den Ablösesummen mit sich. Und auf die Jugend sollte nur setzen, wer sich genügenden Potenzials derselben gewiss ist. Gerade letzteres stellt ein Hindernis dar: Es ist unwahrscheinlich, dass es dem VfB erneut gelingt eine Generation von Jugendspielern hervorzubringen, die wie einst Kuranyi, Hinkel, Hleb, Amanatidis oder später Gomez, Khedira und Tasci auf Jahre das Rückgrat der Mannschaft bilden können.

So bleibt die Zukunft also in jedem Fall ungewiss. Den Fans und Verantwortlichen dürften solcherlei Spekulationen ohnehin fern liegen; für sie zählt nur der Klassenverbleib. Sollte der gelingen, ist es fraglich, ob die katastrophale Saison tatsächlich als ernsthafter Denkzettel begriffen wird. Bei einem Abstieg sähe das sicher anders aus.

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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