Die Geier kreisen über dem VfB

OsPo. Plötzlich steht der VfB Stuttgart auch im Fokus der überregionalen Medien: Die schlimme Krise, in der sich der Verein derzeit befindet, und die Möglichkeit eines sensationellen Abstiegs lassen die Sportredakteure über dem Thema kreisen wie Geier über dem Aas. Kaum eine Woche, in der derzeit nicht ein angesehenes Printmedium von bundesweiter Bedeutung die Story vom ins Trudeln geratenen Traditionsverein aufgreift.

So nutzte die Frankfurter Allgemeine Zeitung zuletzt das Spiel des VfB bei der Frankfurter Eintracht, um ausführlich die Zustände im Lager des Gegners darzustellen. Bemerkenswert nur, dass eine der renommiertesten Sportredaktionen Deutschlands sonst über einen Verein wenig bis gar nichts zu berichten hat, der während des vergangenen Jahrzehnts beständig zur Spitze der Fußball-Bundesliga gehört hat und regelmäßig in internationalen Wettbewerben vertreten war. Dieser Umstand, obgleich rätselhaft, ist symptomatisch für ein Problem des VfB: In der überregionalen Sportberichterstattung spielt der mit Abstand erfolgreichste südwestdeutsche Fußballverein eine verhältnismäßig unbedeutende Rolle.

Diese fast demonstrative mediale Nichtbeachtung schlägt sich in vielen Bereichen nieder. So hat der VfB beispielsweise meist das Nachsehen, wenn es bei gleichzeitig im Europapokal antretenden deutschen Mannschaften darum geht, wer in den Vorteil einer lukrativen Fernsehübertragung kommt. Bei Bundesligaspielen liegt der Fokus der Berichterstattung im Fernsehen und in den einschlägigen Print- und Onlinepublikationen meist auf der gegnerischen Mannschaft, ungeachtet der Prominenz oder Tabellensituation der Kontrahenten. Erst wenn, wie zuletzt, durch eine Krise Brisanz und Schadenfreude ins Spiel kommen, kreisen die Geier. Doch selbst dann muss sich der VfB die Aufmerksamkeit noch mit den anderen kriselnden ehemaligen Spitzenklubs teilen.

Die Gründe für das verhaltene Interesse der Medien am schwäbischen Fußball hat vielfältige Gründe. Zuerst fällt einem da das chronische Imageproblem der Schwaben ein, die in der überregionalen Darstellung meist als sparsam, uninteressant und bieder gebrandmarkt werden. Gut möglich, dass dieses Klischee auch auf die bundesweite Wahrnehmung des VfB abfärbt. Auch die Tatsache, dass man in Cannstatt nicht mit dem Glamour-Faktor des FC Bayern, den Eskapaden Marke Schalke 04 oder Hamburger SV oder der Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte von Werder Bremen konkurrieren kann, spielt eine Rolle.

Es gibt also viel Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Fußballinteressierten. Aber ein bisschen ist man auch selbst „Schuld:“ Macht der Verein nicht gerade durch einen Titelgewinn oder akute Abstiegsgefahr von sich reden, ist es meist relativ still um den VfB, man hört dann einfach nicht viel. In anderen Vereinen ereignen sich wöchentlich Banalitäten, die etwa den Kollegen von Sky erschöpfende Diskussionen abnötigen. Da wird dann ausgiebig erörtert, wie viele Facebook-Freunde Felix Magath heute wieder hinzugewonnen hat. Gibt es keine Nachrichten, schafft man sie sich eben selbst. Sich von derlei Peinlichkeiten inspirieren zu lassen, ist den VfB-Verantwortlichen nicht zu raten. Möglicherweise löst sich das Problem – zumindest vorübergehend – ja auch bald auf andere Weise: Der nächste Trainerwechsel, und damit die sensationsgierige Meute der Sportjournalisten, kommt bestimmt.

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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