Oper ohne Diva

NaK. Die Vorstellung beginnt – und der Film ist aus. Ein Jahr lang hat Vadim Jendreyko die Vorbereitungen für die Parsifal-Inszenierung der Stuttgarter Oper begleitet und beendet seinen Film konsequenterweise mit den ersten Tönen der Premiere. Der Schweizer sammelte Filmmaterial von über 120 Stunden, aus dem er einen Dokumentarfilm über die Oper als komplexe Gemeinschaftsleistung zusammenstellte. Der Fokus auf den Entstehungsprozess wird dabei konsequent bis zum Schluss durchgehalten.

Es endet damit ein Film, der die Sicht aus dem Zuschauerraum bis zuletzt verweigert und stattdessen den unaufgeregten Blick über die Schulter der Beteiligten perfektioniert. Aus dem Orchestergraben heraus, hinter der Souffleuse, in der Künstlergarderobe, vor den Bildschirmen des Inspizienten. Der Film legt dabei keinen Wert auf die Darstellung von Persönlichkeiten, sondern vielmehr auf Situationen und Interaktionen. Dabei blitzen durchaus auch humoristische Elemente auf, etwa wenn der Bass-Bariton Gregg Baker aus Memphis/Tennessee unzählige Male an der Aussprache des Wortes „unenthüllt“ scheitert. Oder wenn der möglichst effektvolle Einsatz von Kunstblut nach einem Lanzenstich einer schwäbisch-bodenständigen Machbarkeitsstudie unterzogen wird.

Die Größe der Opernproduktion wird dabei nicht nur in den gigantischen Ausmaßen der Stoffbahnen für den Bühnenaufbau deutlich. Vielmehr noch beeindrucken die zahlreichen Einstellungen der unzähligen einzelnen Arbeitsschritte: Eine neue Perücke wird in mühsehliger Handarbeit geknüpft, in der Wäscherei wird sorgfältig ein Kunstblutfleck entfernt, und der Pförtner harrt nachts alleine aus. Der Regisseur Calixto Bieitus ist zwar häufig präsent, dominiert den Film aber nicht. Viel einprägsamer als seine Anweisungen sind Einstellungen wie die des einsamen Posaunisten, der sich in den weit verzweigten Katakomben der Oper einspielt. Das schier unglaubliche Zusammenspiel dieser internationalen Menschenmasse lässt deshalb auch keinen Blick nach außen zu: Ab und zu blickt die Kamera durch ein Fenster auf den Schlossgarten oder die Staatsgalerie – doch es wird keine Verbindung hergestellt, der Wechsel der Jahreszeiten scheint bedeutungslos innerhalb der Mauern des Opernhauses.

„Die singende Stadt“ ist deshalb ein treffender und trefflicher Titel für einen Film, der zwar nie seine neutrale Beobachterposition verlässt, aber trotzdem durch seinen ruhigen Schnitt und die Ästhetik seiner Einstellungen dem Phänomen Oper seine Referenz erweist.

„Die singende Stadt“ läuft zur Zeit im Atelier am Bollwerk.
Der Parsifal ist ab 6. März wieder in der Stuttgarter Oper zu sehen.

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Über Nadine Kreuzberg

Nadine Kreuzberg hat Germanistik und Geschichte studiert. Den Kulturstandort Stuttgart hat sie durch ihre Tätigkeiten im Verlagswesen, in Archiven und Museen schätzen gelernt.
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