Fahr’n, fahr’n – auf der Stadtautobahn

MoH. Wegen der finanziellen und politischen Unmöglichkeit, eine Fernstraßen-Nordostumfahrung Stuttgarts zu verwirklichen, ist der Ausbau der B10 zwischen Friedrichswahl und Wilhelma immer mehr in den Verdacht geraten, eine Stadtautobahn über den Pragsattel zu entwickeln. Diesem Verdacht versucht die Stadt seit jeher durch offizielle Verlautbarungen entgegenzutreten. Denn der mögliche Ausbau der B10 zu einer Stadtautobahn ist innerhalb der Stuttgarter Gemarkung genauso umstritten wie außerhalb die Nordostumfahrung. Doch dass die Stadt kürzlich meldete, das Planfeststellungsverfahren für den Rosensteintunnel – mithin der nächste Abschnitt des Ausbaus – neu aufrollen zu wollen, lässt dann doch aufhorchen. Bürger hatten rund 600 Einwände gegen den Bebauungsplan eingereicht. Nun, so wurde gemutmaßt, habe die Stadt wohl kalte Füße bekommen. Denn das zu Grunde liegende Lärm- und Schadstoffgutachten setzt die Belastungen durch den zusätzlichen Verkehr in Zuffenhausen höher als vermutlich rechtlich vertretbar an.

Dass dieser Vorgang außergewöhnlich ist, bemerkte auch die Stuttgarter Zeitung. Angesichts der nun zurückgezogenen, eigentlich seriösen Berechnungen wird auch dort konstatiert, die Stadt habe sich wohl vor einer möglichen Klage von Zuffenhäuser Anwohnern gefürchtet. Und tatsächlich lässt sich nicht nur dieses rechtliche Bedenken plausibel darlegen. Es sprechen auch gewichtige Indizien für das Primat des Auto- und Schwerlastverkehrs über den Bürger, auch wenn die Stadt das Wohl der Anwohner als Motiv des Tunnelbaus anführt.

Der nördliche Tunnelmund des Pragtunnels über dem U-Bahn-Tunnel. Sein Bau 2006 zog die weiteren Ausbaustufen der B10 nach sich. Foto: bigcat

Durch die Zerstückelung des Ausbaus der B10 auf mehrere zeitversetzt umzusetzende Abschnitte ist es der Stadtverwaltung gelungen, den Stadträten die jeweils nächste Ausbaustufe als folgerichtig zu verkaufen. Zuerst sollte 2006 der Pragtunnel die meistbefahrene Kreuzung der Stadt entlasten. Der folgende sechsspurige Ausbau des Abschnitts Friedrichswahl-Pragsattel führt durch ein Gewerbegebiet und belastet sehr wenige Anwohner direkt. In dieser Logik geht es nun weiter: Die Bad Cannstatter und die Affen in der Wilhelma sollen bald vom Rosensteintunnel profitieren, die ohnehin schon durch sechsstreifige Schnellstraßen geteilten (Zuffenhausen) oder vom Neckarufer getrennten (Stuttgart-Ost) Bezirke gehen wieder mal leer aus. Man fühlt sich in die Jahrzehnte der „autogerechten Stadt“ zurückversetzt. Die kulminierten in dem Hit „Autobahn“ der Gruppe Kraftwerk in den 70er-Jahren. Doch als die Elektromusikpioniere die Asphaltpiste besangen, hatte eigentlich schon das Umdenken zu einer „Stadt der Bürger“ begonnen. Nur, in Stuttgart scheint sich dieses Denken bis heute in Lippenbekenntnissen zu erschöpfen.

Baubürgermeister Matthias Hahn (SPD) versuchte auch eilends, die Bürgerfreundlichkeit seiner Rosensteintunnelposition in einem Interview auf der Webseite der Stadt zu konstruieren. Dort musste er selbstverständlich keine Fragen zu anderen Ausbauabschnitten der B10 beantworten, sondern konnte die Verkehrsentlastung für Bad Cannstatt betonen. In Zuffenhausen und Stuttgart-Ost wird man unter dieser 200-Millionen-Euro-Entlastung dann später zu leiden haben. Es ist wie in den 70er-Jahren: Verkehrsfluss geht vor Lärm- und Schadstoffschutz.

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Über Moritz Heiser

Moritz Heiser studiert Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Der Autor schreibt seit 2002 für verschiedene Publikationen, darunter DIE ZEIT und die Stuttgarter Zeitung. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Politik und Wirtschaft.
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