Der Umbruch beim VfB Stuttgart steht bevor

OsPo. Langsam aber sicher scheint sich beim VfB Stuttgart der Widerstand gegen Vorstand und Aufsichtsrat zu formieren. Schon seit längerem brodelt es unter der Oberfläche, die Unzufriedenheit mit der Arbeit der Vereinsführung und der gegenwärtigen sportlichen Situation wächst stetig. Eine wachsende Anzahl von Anhängern fordert bereits seit Monaten den Rücktritt der beiden exponiertesten Figuren der beiden Gremien, des Aufsichtsratsvorsitzenden Dieter Hundt und des Präsidenten Erwin Staudt.

Und Volkes Stimme fehlt nicht, wenn sie diese Herren als Hauptverantwortliche der Krise ausmacht. Sicher haben beide viel für den Verein getan, gerade im Hinblick auf die wirtschaftliche Situation. Der seit der Meisterschaft 2007 anhaltende schleichende aber stetige sportliche Niedergang fällt jedoch ebenso in die Zeit ihrer Ägide. Beide haben eine Personalpolitik bar jeder Konsistenz und Nachhaltigkeit sowie eine zögerliche und von fehlendem Fußballsachverstand geprägte Haltung bei der Reinvestition von Erlösen aus Spielerverkäufen und internationalen Wettebewerben zu verantworten. Sie zeichnen mithin stärker für die gegenwärtige Lage des Vereins verantwortlich als jeder Sportdirektor oder Trainer. Es liegt also nahe, deren Wirken und weitere Tragbarkeit zu hinterfragen anstatt immer nur die sportliche Leitung auszuwechseln. Seit 2007 beschäftigt der VfB momentan den fünften Cheftrainer und den zweiten Sportdirektor.

Noch im Amt: VfB-Präsident Erwin Staudt. Geht es nach der Opposition, wird er bald abgelöst sein. Foto: Stefan Baudy

Längst sind es jedoch nicht mehr nur die Fans, die eine Ablösung des Duos Hundt/Staudt fordern. Nach der verheerenden Niederlage am letzten Wochenende gegen den 1. FC Nürnberg kam das Gerücht auf, VfB-Legende Hansi Müller wolle Erwin Staudt demnächst als Präsident ablösen. Zwar dementierte Müller eilends, die Botschaft ist jedoch klar: Staudt soll weg, auch wenn er sich noch wehrt. Er sei „keine Spur amstmüde“ lässt er vernehmen. Doch dass es kaum von Staudt selbst abhängen wird, ob er weitermachen darf, weiß der wohl selbst am besten. Die diesjährige Mitgliederversammlung dürfte in dieser Hinsicht nicht zimperlich sein.

Und auch dem Marionettenspieler im Aufsichtsrat Dieter Hundt scheint es an den Kragen zu gehen. Oft hatte man den Eindruck, er sei derjenige im Verein, der die Fäden zieht, obwohl er als Aufsichtsratschef eigentlich nur eine kontrollierende Funktion ausüben sollte. Deshalb könnte er auch eine Abwahl Staudts blockieren, da bisher laut Satzung alleine der Aufsichtsrat über Kandidaten für das Präsidentenamt bestimmt. Eine Gruppe um den Stuttgarter Banker Björn Seemann möchte die Führungsebene des VfB reformieren, und prüft Möglichkeiten, auch den Aufsichtsrat umzustrukturieren und dort mehr sportliche Kompetenz zu installieren.

Denn genau dort liegt der Hund(t) begraben: Die Führung eines modernen Fußballklubs mit Profiabteilung erfordert eben nicht nur Geschick und Erfahrung im Umgang mit Finanzen, sondern – mindestens ebenso wichtig – sportlichen Sachverstand. Ein künftiger Aufsichtsrat mit Fußballkennern und Fanvertretern soll geschaffen werden. Dazu wäre eine Satzungsänderung nötig, die wiederum eine Dreiviertelmehrheit in der Mitgliederversammlung erfordert. Wenn die Opposition in der Lage ist, ein schlüssiges und umfassendes Konzept vorzulegen, scheint es keineswegs ausgeschlossen, dass diese Pläne Erfolg haben könnten.

Diese Reformbestrebungen gehen jedenfalls in die richtige Richtung und würden den bestehenden vereinspolitischen Missständen Abhilfe schaffen. Es ist allerdings zu befürchten, dass die gegenwärtigen Machthaber an ihren Stühlen kleben und alles versuchen werden, eine Absetzung zu verhindern – man kennt das ja, nicht nur in Stuttgart.

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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