Weißenhofsiedlung bald Weltkulturerbe?

OsPo. Im Rahmen eines nationenübergreifenden Antrags auf die Aufnahme von 19 Gebäuden der französischen Architektenikone Le Corbusier sollen auch dessen Beiträge zur Stuttgarter Weißenhofsiedlung den Status des Weltkulturerbes erlangen. Bereits 2009 wurde eine unter Federführung Frankreichs beim UNESCO-Welterbekomitee eingereichte dementsprechende Bewerbung abgelehnt, die nun in überarbeiteter Fassung erneut zur Entscheidung vorliegt.

Eines der Gebäude Le Corbusiers in der Weißenhofsiedlung, die jetzt zum Weltkulturerbe erklärt werden sollen. Foto: Tyke

Es wäre äußerst begrüßenswert für die Stadt Stuttgart und die Weißenhofsiedlung, sollte der Antrag diesmal Gnade finden. Das mit dem Status verbundene Prestige und nicht zuletzt die üppigen Fördergelder, die von der UNESCO und der Bundesregierung ausgeschüttet werden und direkt den architektonischen Kleinoden in der Nähe des Killesbergs zugute kämen, sind allemal verlockend. Zwar beinhaltet der Antrag nur zwei Bauten aus Le Corbusiers Werk – die Gebäude Bruckmannweg 2 und Rathenaustraße 1–3 – und nicht die gesamte Siedlung. Trotzdem hätte der Welterbestatus die Macht, Stuttgart qua Proklamation für Touristen und Architekturliebhaber interessanter zu machen.

Unter ganz profanem Denkmalschutz steht die ganze Siedlung bereits seit Ende der 1950er-Jahre. Man weiß also, was man hat. Doch welchen Stellenwert der Denkmalschutz in Stuttgart genießt, lässt sich am Umgang mit dem Bonatzbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs ablesen, dessen seit 1987 bestehender Status als „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“– ebenso ist auch die Weißenhofsiedlung eingestuft – ihn nicht vor dem partiellen Abriss bewahrt hat. Es regiert in dieser Hinsicht also blanker Opportunismus: Winkt vermeintlicher Fortschritt, ist ein Denkmal keinen Pfifferling wert. Vielleicht hilft der Welterbestatus dem Weißenhof, einem ähnlichen Schicksal zu entkommen. Immerhin plant der Bund als Eigner nach wie vor, die Gebäude einzeln zu verkaufen. Seit 2002 drückt die Stadt Stuttgart sich davor, das gesamte Ensemble zu erwerben und es einem standesgemäßen Zweck zuzuführen. Unter Umständen könnte bald Bewegung in die Sache kommen.

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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