Im Gespräch: Julia Schindler – KULTUR FÜR ALLE Stuttgart

Kunst und Kultur sind wichtig – das sieht nicht nur das StT so. Eine von der Bürgerstiftung Stuttgart ins Leben gerufene Initiative beherzigt dieses Credo ganz besonders: Der Verein KULTUR FÜR ALLE Stuttgart hat es sich zum Ziel gemacht, auch finanziell schwächeren Stuttgarter Bürgern den Zugang zur vielseitigen und viel gepriesenen Kulturlandschaft der Schwabenmetropole zu ermöglichen. Alle am Programm teilnehmenden Institutionen und Einrichtungen gewähren Inhabern der Bonuscard + Kultur kostenlosen Eintritt. Im Rahmen der neuen Interview-Reihe „Im Gespräch“ sprach das StT mit Julia Schindler, der Geschäftsführerin des Vereins.

StT: Frau Schindler, wie kam die Initiative auf den Weg?

Julia Schindler: Mit dem Ziel, kulturelle und damit gesellschaftliche Teilhabe für alle zu ermöglichen fanden sich im Herbst 2008 Expertinnen und Experten aus den Bereichen Kultur und Soziales sowie den zugehörigen Ämtern am Runden Tisch KULTUR FÜR ALLE der Bürgerstiftung Stuttgart zusammen. Ergebnis der gut einjährigen Arbeit war eine Aufwertung der bestehenden Bonuscard der Landeshauptstadt Stuttgart zur Bonuscard „+ Kultur“, die zum 1. Januar 2010 eingeführt wurde. Dieser Ausweis wird vom Sozialamt jährlich an rund 70.000 sozial schwache Stuttgarter ausgegeben und ermöglicht nun auch kostenlose Besuche vieler Kulturveranstaltungen und freien Eintritt in viele Partner-Museen. Im Winter 2009 wurde dann der Trägerverein KULTUR FÜR ALLE Stuttgart gegründet. Er stellt die rechtliche Basis für die Vereinbarungen mit den teilnehmenden Einrichtungen dar, entwickelt das Konzept stetig weiter und sorgt für eine dauerhafte Verwurzelung in der Stadt.

StT: Wie finanziert sich die Aktion? Wie verhält es sich mit der Förderung mit öffentlichen Mitteln?

Julia Schindler: Die finanzielle Basis für KULTUR FÜR ALLE Stuttgart wurde durch die Spende einer engagierten Stuttgarter Bürgerin gelegt. Darüber hinaus erhielt die Initiative in der Startphase Fördergelder des Landes Baden-Württemberg, der Bürgerstiftung Stuttgart und des Sozialamts Stuttgart. Damit sie aber auch in Zukunft bestehen kann, ist eine dauerhafte und vor allem institutionelle Förderung unumgänglich. Der Finanzbedarf für die Personal-, Büro- und Mietkosten, Akquise und Koordination von Kultureinrichtungen sowie die Bekanntmachung und Vermittlung des Kulturangebots soll künftig gedeckt werden durch einen Mix aus Sponsoring, Stiftungsgeldern, privaten Zuwendungen, Erlösen aus Benefizveranstaltungen sowie durch städtische Fördermittel. Ohne letztere wird es sicherlich schwer werden.

StT: Derzeit stellen knapp 50 Einrichtungen Freikarten zur Verfügung und etwa 70.000 Bonuscard-Inhaber haben Zugang dazu. Gibt es bereits Rückmeldungen, wie das Programm ankommt?

Julia Schindler: Im Moment wird eine Evaluation durchgeführt, die uns die Breuninger-Stiftung ermöglicht und auf deren Ergebnisse ich wirklich sehr gespannt bin. Wir sind die erste Initiative dieser Art, die überhaupt wissenschaftlich untersucht wird. Die Annahme, dass kulturelle Teilhabe, wie unsere Initiative sie ermöglicht, auch zu mehr Möglichkeiten sozialer Teilhabe führt und damit einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Integration leistet, soll dadurch belegt werden. Die endgültigen Ergebnisse der Studie werden im April vorliegen. Das sollte dann auch ein Anstoß für eine weitere Finanzierung durch die öffentliche  Hand sein. Davon abgesehen haben wir auch sehr viel positives persönliches Feedback von Bonuscard-Inhabern bekommen, die sich sehr über die Möglichkeit freuen, beispielsweise ins Theater gehen zu können. Das ist für Hartz IV-Empfänger sonst schlichtweg nicht finanzierbar. Man muss sich einmal vor Augen führen, dass der Hartz IV-Tagessatz für „Freizeit, Kultur und Unterhaltung“ derzeit 1,30 € beträgt. Darin ist allerdings der Eintrittspreis ins Freibad genauso enthalten wie die Kosten für eine Tageszeitung.

StT: Gibt es weitere Planungen, das Angebot auszubauen? Welche Art Einrichtungen und Angebote kommen generell für eine Teilnahme infrage?

Julia Schindler: Wir sind sehr froh darüber, dass die Stuttgarter Kulturszene unsere Initiative bereits jetzt so gut angenommen hat. Das Kulturangebot in Stuttgart ist wahnsinnig bunt und vielfältig. Wir haben schon das ambitionierte Ziel, irgendwann möglichst alles oder zumindest einen Großteil davon für alle Menschen zugänglich zu machen. Es wäre schön, wenn es für Stuttgarter Kultureinrichtungen in ein paar Jahren selbstverständlich wäre, hier dabei zu sein. In naher Zukunft wollen wir unser Angebot noch stärker für eine jüngere Zielgruppe interessant machen, zum Beispiel durch spezielle Jugendangebote oder Angebote aus dem Bereich der Popkultur. Schön wäre es auch, wenn wir etwa noch ein Kino oder Livemusik-Clubs für die Teilnahme gewinnen könnten. Für die Zukunft ist auch geplant, das Angebot auf die Kulturvermittlung auszuweiten. Denkbar wäre beispielsweise, Theaterbesuche für sozial schwache Kinder zusammen mit ehrenamtlichen Begleitern zu organisieren. Um so etwas auf die Beine zu stellen, müssen wir uns allerdings erst weiter etablieren und unsere Kulturpartnerschaften ausbauen. Als nächste größere Aktion haben wir eine Benefizveranstaltung zusammen mit der Kulturgemeinschaft und den Stuttgarter Philharmonikern geplant, die auch zur weiteren Finanzierung beitragen soll.

StT: Apropos Theater: Als eine der wenigen großen Kulturinstitutionen der Stadt lehnt das Staatstheater – genau wie die Staatsgalerie – eine Teilnahme an KULTUR FÜR ALLE bislang ab. Ist es nicht befremdlich, dass sich zwei der größten und renommiertesten Einrichtungen einer solchen Initiative verweigern?

Julia Schindler: Meiner Meinung nach haben gerade die großen und durch die öffentliche Hand finanzierten Einrichtungen eine besondere Pflicht, ihrer sozialen Verantwortung nachzukommen. Natürlich haben wir auch die von Ihnen genannten Häuser eingeladen, bei KULTUR FÜR ALLE mitzumachen. Beide Häuser verfolgen jedoch im Moment eigene Strategien. Aber auch hier hoffen wir, dass die öffentliche Meinung und die Ergebnisse der Evaluation eventuell ein Umdenken herbeiführen können. Schließlich bekommen wir häufiger Rückmeldung von Inhabern der Bonuscard + Kultur, die sich genau diese Einrichtungen noch als Teilnehmer wünschen.

Gerade vor dem Hintergrund der bundesweiten Diskussion um die  bildungs- und kulturpolitische Förderung sozial Schwacher stellt KULTUR FÜR ALLE Stuttgart ein positives Beispiel sozialen Engagements und zupackender Initiative abseits der offiziellen Programme dar. Das StT hält die Aktion für äußerst unterstützenswert und ruft daher auf, die Initiative durch Geldspenden zu unterstützen. KULTUR FÜR ALLE Stuttgart kann als gemeinnütziger Verein Zuwendungsbestätigungen ausstellen. Spenden überweisen Sie bitte auf folgendes Konto:

KULTUR FÜR ALLE Stuttgart e.V.
Konto 109 09 61
BLZ 600 501 01
Baden-Württembergische Bank

Bei Spenden bitte im Betreff angeben: „Spende“ und Ihre Adresse.

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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