Von Mannheim nach Stuttgart

MoH. Es ist schon verblüffend für wie viele Dinge Stuttgart – mal mehr, mal weniger zurecht – verspottet wird: Für die oft als Geiz missverstandene Sparsamkeit, für den Fleiß der Arbeitenden, für die Kehrwoche, für die Provinzialität (ungeachtet der Weltklasse-Kulturlandschaft) und für den schwäbischen Singsang seiner Einwohner. Da lässt es umso mehr aufhorchen, wenn die Schwabenmetropole mal für etwas gefeiert wird; und sei es, wie im vorliegenden Fall, für etwas, das Stuttgart gar nicht zu verantworten hat.

Das erste Motorrad der Welt war Gottlieb Daimlers Kreation. Foto: StT

Seit 125 Jahren gibt es jetzt das Automobil. Das ist einigen Marketing-Strategen in Stadtverwaltung und Weltkonzernen gleich die Ausrufung eines ganzen „Automobiljahres“ wert. Deshalb trifft man sich dieses Wochenende auch standesgemäß in Stuttgart zum Wiegenfest der Motorkutsche. Viel Prominenz hat sich angekündigt. Selbst die Kanzlerin kommt. Dabei war doch damals, 1886, ein Mannheimer schneller als der Schorndorfer Gottlieb Daimler: Carl Benz meldete als erster ein Patent auf das Urautomobil an. Und jetzt soll seine Erfindung ausgerechnet in Stuttgart, dem Revier seines Konkurrenten zu Lebzeiten gefeiert werden?

In der Niederlassung vor den Toren des Stammwerks verkauft Mercedes-Benz heute seine Luxuskarossen. Foto: StT

Da grummeln natürlich viele Mannheimer darüber, dass sich die Stuttgarter heute mit fremden Federn schmücken. Schließlich ist ja Benz auch im Konzernnamen des ersten Autobauers nicht mehr zu finden. Doch ein genauerer Blick lässt eher eine „feindliche Übernahme“ der Landeshauptstadt durch die Kurpfälzer vermuten. Nach der Umbenennung des Fußballstadions ist von Daimler nicht mehr viel übrig am Neckarpark: Es gibt eine Bundesliga-Arena, ein hochfrequentiertes Museum, ein Autohaus und ein Stammwerk – und sie alle hören auf den Namen Mercedes-Benz.

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Über Moritz Heiser

Moritz Heiser studiert Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Der Autor schreibt seit 2002 für verschiedene Publikationen, darunter DIE ZEIT und die Stuttgarter Zeitung. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Politik und Wirtschaft.
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