Geschmackloses Spielchen

Als S21-Gegner schießt man mit Kastanien auf Bauarbeiter und Politiker. Foto: Screenshot (http://www.zweiundeinzig.de/)

MoH. Die mediale Aufmerksamkeit um Stuttgart21 ist mittlerweile etwas abgeflaut. Doch die Bauarbeiten schreiten voran, die Proteste gehen weiter und in Internetforen wird selten ein Blatt vor den Mund genommen. Jetzt meinte auch die Stuttgarter Werbeagentur Emenes, ihr Scherflein beitragen zu müssen.

Im Online-Spiel namens „Zweiundeinzig“ von Emenes kann man als Projektgegner Bauarbeiter und Politiker mit Kastanien beschießen, während diese versuchen Bäume zu fällen. Die Bauarbeiter wehren sich hin und wieder mit dem Wurf eines Kettensägenblatts. Wählt man die Seite der Befürworter, feuert man mit Wasserwerfern auf Demonstranten – die hauen unterdessen mit Anti-Stuttgart21 Schildern auf Baufahrzeuge ein. Alles in allem erinnert das simple Spiel sehr an die berühmte Moorhuhnjagd aus dem Jahr 1999.

Hinterher wird abgewogen: Wer ballert mehr Vertreter der Gegenseite weg? Foto: Screenshot (http://www.zweiundeinzig.de/)

Man kann das Spiel lustig finden, wie viele Blogger.  Die behaupten zum Beispiel: „Spass 21 ist streng verboten“ – nur um dann die Witzigkeit von Zweiundeinzig zu preisen. Ganz nach dem Motto: Da wird man ja wohl noch drüber lachen dürfen… Man kann es aber auch lassen! Es zeugt von einer unglaublichen Geschmacklosigkeit, ein solches Ballerspiel direkt mit den schlimmen Ereignissen des Schwarzen Donnerstag zu verknüpfen. Menschen sind traumatisiert, manche haben ihre körperliche Unversehrtheit auf immer verloren. Bei diesem Spiel wird aus dem Ernst der Situation am Ende auch noch ein zynischer Wettkampf. Je nachdem für welche Seite man ballert, werden die Punkte schlussendlich addiert und es wird abgewogen: Welche Seite ballert mehr Gegner weg?

Sicher, bei der Diskussion um S21 wünschte man sich oft mehr Selbstironie. Man wünschte sich – neben einer erstaunlichen Vielzahl positiv hervorstechender Humorspitzen – bisweilen aber auch mehr Fingerspitzengefühl der Autoren von S21-Späßen. Mit Zweiundeinzig haben die Macher ein besonders geschmackloses Spielchen in die Welt gesetzt.

 

Update: Mittlerweile haben auch die ‚Kreativen‘ erkannt, dass sie wohl übers Ziel hinausgeschossen haben. Seit heute ist das Spiel nicht mehr zugänglich. Ein paar  eher kleinlaute Zeilen räumen ein, dass das Spiel einer „friedlichen Auseinandersetzung mit dem Thema“ nicht förderlich ist:

http://www.zweiundeinzig.de/

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Über Moritz Heiser

Moritz Heiser studiert Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Der Autor schreibt seit 2002 für verschiedene Publikationen, darunter DIE ZEIT und die Stuttgarter Zeitung. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Politik und Wirtschaft.
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