Mein Nachbar der Ausländer

MoH. Kommt die Sprache auf Mitbürger mit sogenanntem Migrationshintergrund*, sieht man in den Medien meist Bilder aus Berlin-Neukölln, Hamburg-Altona oder dem sonst medial eher schattigen Duisburg-Marxloh. Sicher, die meisten Medien betrachten dieses Thema sehr differenziert. Doch vor dem inneren Auge des Betrachters zieht fast unweigerlich ein Klein-Istanbul vorbei. Es werden plakativ Stadtteile gezeigt, die einen hohen Migrantenanteil mit einem hohen Prozentsatz an Armut, Arbeitslosigkeit oder Kriminalität vereinen. Was in der Diskussion fehlt, sind Kommunen mit hohem Ausländeranteil ohne starke Konzentrierung der Minderheiten. Ein Blick in den Süden würde sich lohnen.

Unter den Großstädten der Bundesrepublik hat Stuttgart – nach Frankfurt am Main – den zweithöchsten Ausländeranteil. Doch aus Zuffenhausen hat man eher Bilder von schnellen Autos im Kopf, aus Bad Cannstatt solche vom Fassanstich auf dem Wasen. Dabei haben auch die beiden Stuttgarter Bezirke eine sehr hohe Migrantenquote. Stuttgart scheint also einiges richtig gemacht zu haben bei der Integration neuer Mitbürger. Die Nachricht von der weltoffenen und prosperierenden Schwabenmetropole wäre doch einmal eine positive, in einer von einem indiskutablen Ex-Bundesbanker aufgebrachten Öffentlichkeit.

Es zeichnet Stuttgart aus, den durch Zuwanderung angestoßenen Wandel positiv genutzt zu haben. Stuttgart hat mit die liberalsten Ausländerregelungen in Deutschland, wurde dafür sogar schon von der UNO und dem Europarat ausgezeichnet. Und auf einigen Feldern ist das „Fremde“ ohnehin nicht mehr wegzudenken: Ohne die multikulturelle Gastronomie etwa würde selbst dem größten Maultaschenliebhaber längst das gewisse kulinarische Etwas fehlen – die Vielfalt.

Allein, in Stuttgart taucht die Frage nach den Ausländern in regelmäßigen Abständen wieder auf. Und sie wird  – entgegen der andernorts herrschenden Hysterie bei diesem Thema – im Schwabenland auffallend blutleer gestellt. Dies geschieht immer dann, wenn die Industrie den Mangel an Fachkräften beklagt. „Ohne die gezielte Anwerbung von ausländischen Fachkräften kann die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft in der Region nicht gesichert werden“, sagt dann zum Beispiel Jürgen Schwab, Chef der Arbeitsagentur Stuttgart. Schwab sprach diese Worte im November, so oder so ähnlich lauten die Klagen jedoch schon seit Jahren.

Während die These vom allgemeinen Fachkräftemangel mittlerweile auch vom DIW angezweifelt wird, steht außer Frage, dass regional durchaus Fachkräfte fehlen. Zu einer dieser Regionen gehört auch Stuttgart. Bei Daimler, Stihl oder Behr ist das multikulturelle Arbeiten seit Jahrzehnten gang und gäbe. In einer alten Bosch-Fabrik in der Nähe des Löwentors etwa sind viele vergilbte Beschriftungen zweisprachig – auf Deutsch und Griechisch. Seit Jahrzehnten arbeitet man gut miteinander. Doch unterschwellige Abneigungen oder zumindest eine gewisse Distanz nach Betriebsschluss zu den Kollegen aus der Ferne gelten bis heute eher als die Regel. Man ist zwar gut Nachbar, toleriert sich. Ein Miteinander beschränkt sich aber meist eher auf die eigene Volksgruppe. Das gilt für Schwaben wie für Zugewanderte.

Bei den Branchen mit Fachkräftemangel gesellt sich zu den Metallberufen und den Ingenieuren in jüngster Zeit auch der Gesundheitssektor. Für viele, speziell ältere Menschen dürfte es ungewohnt sein, einem Arzt mit osteuropäischem Akzent gegenüber zu sitzen. Daran müssen die Stuttgarter sich aber wohl in den kommenden Jahren gewöhnen. Auch Kranken- und Altenpfleger müssen verstärkt aus dem Ausland angeworben werden. Damit diese Zuwanderung nicht in Misstrauen, Argwohn oder Neid mündet, müssen die zugewanderten Menschen freundlich in unsere Mitte aufgenommen werden.

Der Wandel wird fortschreiten. Allein aus wirtschaftlichen Gründen wird Stuttgart Zuwanderer brauchen. Es gilt nun, neben den geschäftlichen auch die gesellschaftlichen, die menschlichen Vorteile der Vielfalt zu erkennen. Vielleicht wäre es ja ein guter Vorsatz, im neuen Jahr den türkischen Nachbarn mal zum Abendessen zu sich einzuladen. Mit dem italienischen Kollegen könnte man sich nach Feierabend bei einem Bier über die Rolle der Familie austauschen. Und anstatt die Kinder des Nachbarn aus Marokko vom Grundstück zu verjagen, könnte man ihnen für den gebauten Schneemann Anerkennung zollen. Die kleinen Gesten sind es, die eine einladende Atmosphäre und damit die Basis für ein Miteinander schaffen.

* Manche sprechen sogar schon vom „Migrahigru„: so auch der renommierte Journalist Jörg Lau von der ZEIT: http://blog.zeit.de/joerglau/2010/10/27/migrahigru_4294 (dort wird, sehr interessant, auch die amtliche Definition des Migrationshintergrunds erörtert).

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Über Moritz Heiser

Moritz Heiser studiert Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Der Autor schreibt seit 2002 für verschiedene Publikationen, darunter DIE ZEIT und die Stuttgarter Zeitung. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Politik und Wirtschaft.
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Eine Antwort zu Mein Nachbar der Ausländer

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