RAF: Der Verfassungsschutz war dabei

OsPo. Seit dem 30. September wird vor dem Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart gegen die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker wegen des 1977 verübten Mordes an Siegfried Buback verhandelt. Heute ist der Tag des letzten regulär angesetzten Verhandlungstermins in 2010. Von einem Urteil ist man wohl noch weit entfernt, der Prozess hat allerdings bereits jetzt Interessantes zutage gefördert.

Becker wurde 1977 wegen anderer Vergehen, darunter eine Schießerei, bei der zwei Polizisten verletzt wurden, zu lebenslanger Haft verurteilt. 1989 begnadigt, war sie seither bestrebt, anonym zu bleiben. Nun wird ihr, gestützt durch neue Beweise, die Beteiligung am Mordanschlag auf den damaligen Generalbundesanwalt Buback zur Last gelegt.

Im Rahmen des Verfahrens wird auch offenbar, dass damals wohl einiges anders gelaufen sein könnte, als man es sich bisher vorgestellt hat. So wirft etwa Bubacks Sohn die Frage auf, warum sich Becker erst jetzt für ihre Beteiligung verantworten muss und liefert die Antwort gleich selbst: Es habe eine „schützende Hand“ gegeben, die Beckers Verfolgung bisher verhindert habe. Mag das unter Umständen noch wirken wie die Verschwörungstheorie eines direkt Betroffenen, machen andere Fakten schon nachdenklicher. So berichtete der Spiegel bereits 2009, dass Becker von 1981 bis 1983 mit dem Verfassungsschutz kooperiert hatte.

Wie die taz berichtet, stellt „der renommierte Sozialwissenschaftler Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Zeitgeschichte“ in seinem Buch fest, dass Becker bereits in ihrer Zeit bei der RAF Informantin des Verfassungsschutzes war. Auch im April 1977, dem Monat von Bubacks Ermordung, soll es Kontakt gegeben haben. Das legt wiederum nahe, dass der Geheimdienst in irgendeiner Form in den Anschlag verwickelt gewesen sein könnte. Auch für die Behauptung von Bubacks Sohn, Becker sei von höherer Stelle geschützt worden, fand Kraushaar Indizien.

Öffentlich schlug die Nachricht trotz ihrer Brisanz kaum Wellen. Zunächst nahm sich lediglich die taz des Themas an. Die Süddeutsche Zeitung zog bald nach. Hingegen war die Welt eilends bemüht, Kraushaar Missverständnisse oder Überinterpretationen“ zu unterstellen. Zuletzt hat auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung dem Thema in  einem längeren Artikel Beachtung geschenkt. Dort heißt es: „Statt entschiedener Verfolgung zeigen sich Spuren von Kooperation zwischen Behörden und Terrorismus, der dringende Tatverdacht lautet auf Kumpanei und wechselseitige Instrumentalisierungen zwischen Staat und Verbrechern, Linksterrorismus und Geheimdiensten.“

Wenn sich der Verdacht, dass der Verfassungsschutz in die Ermordung Bubacks zumindest eingeweiht war, erhärtet, könnte sich die Angelegenheit zu einem Skandal erster Güte auswachsen. Es könnte also noch spannend werden im Prozess gegen Verena Becker am OLG Stuttgart.

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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