Ein störender Klotz

Ein weiterer Block vom Schlage des LBBW-Viertels entsteht am Mailänder Platz. Foto: Andreas Praefcke

MoH. Sie fanden viele Worte des Lobs. Oberbürgermeister Wolfgang Schuster sah vor dem inneren Auge „ein Stück europäische Stadt“. Sogar Baubürgermeister Matthias Hahn (SPD), selbst ein Gegner des Projekts, befand: „Aus der Situation wird jetzt das Beste gemacht.“ Kritik kam nur aus den Reihen der mitte-links Stadträte. „Begutachtet wurden nur die Sahnehäubchen auf dem riesigen Klumpfuß“, meinten etwa die Grünen. Doch selbst die Presse findet jetzt lobende Worte: die StZ hält den Entwurf für „Zukunftsweisend“.

Dabei hat sich an der Ausgangslage der Kritik wenig geändert. Zugegeben, über die Qualität von Architektur lässt sich trefflich streiten. Das vorgestellte Modell des Siegerentwurfs, das ein Bild von Beton mit viel Glas vermittelt, zeugt aber nicht gerade von städtebaulicher Innovation. Lediglich das Luftbild vermittelt das Besondere des neuen Komplexes: grüne Dachflächen, um die sich einzelne Wohngebäude über dem Einkaufszentrum gruppieren. Leider wird dies vermutlich nur den (zahlungskräftigen) Bewohnern dieses Quartiers auf dem Dach zugute kommen. Der gemeine Passant wird derweil vor der nackten Fassade stehen und vom Dachgartenflair des von unten unansehnlichen Klotzes wenig verspüren. Zudem wirkt der Block zur Heilbronner Straße hin, in dem ein Hotel unterkommen soll, äußerst abweisend.

Doch noch schwerer als die architektonische Qualität die Ästhetik, dürfte die gewerbliche Struktur des neuen Kolosses die gewachsene Stuttgarter Innenstadt beeinträchtigen. Es entsteht ein Einkaufszentrum, das mit 43.000 Quadratmetern Ladenfläche größer ist als das Breuninger-Kaufhaus am Marktplatz. Dieses gilt heute als das drittgrößte innerstädtische Kaufhaus in Deutschland. Man kann sich also vorstellen, wieviel Kaufkraft vermutlich aus dem historischen Zentrum in das neue, leblose Viertel hinter dem Hauptbahnhof verlagert wird. Zu „verdanken“ hat man dies dem unermüdlichen Einsatz des OB Schuster (CDU) für das Projekt der Hamburger Gesellschaft ECE. Wenn jetzt die ECE vom großen Interesse auch des lokalen Handels an Ladenflächen spricht, enkräftet das noch nicht die Sorgen über die tatsächliche zukünftige Mieterstruktur des Komplexes und die Zukunft kleiner Geschäfte in Kronprinz- oder Stiftstraße.

Mit dem ECE-Einkaufszentrum geht der Stuttgarter Innenstadt ein Alleinstellungsmerkmal verloren. Bisher wurde die Schwabenmetropole dafür gerühmt, die Großstadt zu sein, in der nahezu alle wichtigen Einkaufsmöglichkeiten auf der Königstraße und ihren Nebenstraßen zu finden sind. Diese Kompaktheit wird mit der Eröffnung des Quartiers am Mailänder Platz der Vergangenheit angehören. Stuttgart verliert ein Stück seiner Identität. Mit der Entscheidung, den Siegerentwurf zu verwirklichen, bindet sich die Stadt nach dem LBBW-Komplex am Pariser Platz einen weiteren störenden Klotz ans Bein.

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Über Moritz Heiser

Moritz Heiser studiert Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Der Autor schreibt seit 2002 für verschiedene Publikationen, darunter DIE ZEIT und die Stuttgarter Zeitung. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Politik und Wirtschaft.
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