Bleiben die Wagenhallen ewig?

OsPo. Dass Stuttgart ein Ort ist, an dem man sich um etablierte Künstler bemüht, ist bekannt. Schließlich beherbergt die Stadt unter anderem ein Opernhaus und ein Ballett von Weltruf. In der klassischen Musikszene ist gar der Begriff Stuttgart Sound gängig, der  sich auf das individuelle Klangbild des Radio-Sinfonieorchesters bezieht. Auch die bildenden Künste sind mit der Staatsgalerie und dem städtischen Kunstmuseum überaus prominent vertreten.

Doch nun hat der Kulturausschuss des Gemeinderats auch ein Zeichen gesetzt, was die Förderung junger, noch relativ unbekannter und aufstrebender Kunst betrifft: Die Wagenhallen am Nordbahnhof sollen dauerhaft als „Solitär für Kunst – und Subkultur in der ‚Stuttgarter Kulturtopographie'“ (Eigenbeschreibung der Wagenhallen) erhalten bleiben. Seit 2003 hat sich das Areal zu einer Art Biotop für Künstler aller Formen entwickelt, das für viele mittlerweile nur schwer wegzudenken wäre.

Einzig, es stellt sich die Frage, inwiefern die vor kurzem erfolgte Verlängerung des Mietvertrags durch die Stadt ein aufrichtiges Bekenntnis aller Fraktionen zum Verbleib der Künstler darstellt. Zwar verbürgte sich Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann (CDU) jetzt erstmals dafür, persönlich für die Wagenhallen einzutreten. Dies könnte sich allerdings schnell als Lippenbekenntnis entpuppen, wenn es darum geht, Investoren für die durch das Bahnprojekt Stuttgart21 frei werdenden Flächen in der Innenstadt zu gewinnen. Auf der Website der Stadt Stuttgart zum „nachhaltigen Bauflächenmanagement“ jedenfalls ist das Teilgebiet C1 – zu dem das Wagenhallen-Areal gehört – noch als „gemischte Baufläche“ ausgewiesen. Weiter heißt es dort zur derzeitigen Nutzung: „Noch gewerblich genutzte Flächen, teilweise abgeräumt, temporäre Nutzungen, z.B. Wagenwartungshalle.“

Das schließt zwar einen Erhalt der Wagenhallen in der derzeitigen Nutzung nicht aus. Es erlaubte der Stadt aber gegebenenfalls auch, bei einer Umstrukturierung des Geländes auf den Flächennutzungsplan zu pochen und den Traum vom ewig währenden Refugium für die Kunst zunichte zu machen. Es bleibt also abzuwarten, ob Stuttgart sich den Luxus, zugunsten der Kunst auf Kommerz zu verzichten, tatsächlich leisten wird. Für die nächsten fünf Jahre ist die Existenz jedenfalls gesichert, was bereits als positiv zu bewerten ist. Bisher wurde der Mietvertrag jeweils lediglich um ein Jahr verlängert. Das Signal für die Wagenhallen steht momentan also auf Grün.

Onlineauftritt der Wagenhallen Stuttgart – Grund für Kunst: http://www.wagenhallen.com/

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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