Immer Ärger mit der S-Bahn

S-Bahnen der Linie 6 im winterlichen Endbahnhof Weil der Stadt. Foto: JuergenG

MoH. Es ist ein fortwährendes Ärgernis. Kommt es zu einer Störung an einer S-Bahn im Tunnel zwischen Hauptbahnhof und Schwabstraße, sind alle sechs Linien verspätet oder fallen sogar ganz aus. Die Stammstrecke der S-Bahn geht jeden Tag bis an die Belastungsgrenze – und das nicht erst seit gestern. Im dichten Zweieinhalb-Minutentakt auf der Stammstrecke sind eben keine Puffer für Verspätungen möglich. Dieser Zustand wird durch die aktuellen Vorkommnisse, die durch Planungsfehler bei Stuttgart21 verursacht wurden, nur noch verschlimmert. Doch es gab ihn schon zuvor. Wer täglich auf die S-Bahn angewiesen ist, weiß seit jeher um die Probleme.

Das S-Bahn-Netz: auf der Stammstrecke konzentrieren sich sechs Linien. Grafik: Jowereit

In den Siebziger Jahren hatten es die Verantwortlichen versäumt, ein Nadelöhr zu vermeiden. Der S-Bahn-Tunnel auf der Stammstrecke hätte von Anfang an mit vier Gleisen gebaut werden müssen, um mögliche Kapazitätssteigerungen zu berücksichtigen. Aber nicht nur, dass dies nicht geschah: stattdessen wurde auch noch der Westbahnhof stillgelegt. S-Bahnen fahren seither nur noch in Ausnahmefällen über die Gäubahn nach Vaihingen. Dort fahren nur noch Regional- und Schnellzüge in Richtung Süden. Mit Stuttgart21 sollte sich das ändern. Die Gäubahn wäre frei geworden. Doch Heiner Geißler forderte in seinem Schlichterspruch eine Einbeziehung der Gäubahn. Wie das im Detail aussehen sollte, sagte er nicht.

Dabei wären die Ideen vom Verband Region Stuttgart (VRS) zur „T-Spange“ oder die erweiterte Vision des Verkehrsclub Deutschland (VCD) zum „Nordkreuz“ jetzt zu erörtern. Beide nähmen Druck von der Stammstrecke; das Nordkreuz sogar in gewaltigem Ausmaß. Die T-Spange sähe eine Linie S7 vor, die direkt von Ludwigsburg nach Esslingen verkehren würde. Die Pendler müssten nicht mehr wie bisher am Hauptbahnhof umsteigen. Zwischen dem Nordbahnhof und Bad Cannstatt müssten dafür direkte Gleise gebaut werden. Angeblich werden im Zuge von Stuttgart21 Vorarbeiten geleistet, diese Option nicht zu verbauen. Umfassender würde aber das Nordkreuz die Stammstrecke entlasten: eine Schienenkreuzung am Nordbahnhof ermöglichte die Einbindung der Gäubahn in die T-Spange und damit auch eine direkte Verbindung von Vaihingen über den wiederzueröffnenden Westbahnhof nach Bad Cannstatt.

Ein ganz kühner Gedanke wäre noch eine dritte Linie von Ludwigsburg nach Vaihingen. Dies hieße jeweils zwei zusätzliche Linien auf der Gäubahn, nach Bad Cannstatt und nach Ludwigsburg mit dem Nordbahnhof als Drehscheibe. So könnte nicht nur die Stammstrecke entlastet werden, sondern auch noch im S-Bahn-Außenbereich ein höherer Takt erreicht werden. Die nördlichen Halbhöhenlagen und der obere Westen erhielten mit zusätzlichen Haltestellen an der Gäubahn einen Schienenanschluss. Baute man eine Haltestelle zwischen Westbahnhof und Österfeld in der Nähe des Schattenrings, wären die Nahverkehrsgebiete um den Bärensee endlich ohne den luftbelastenden Autoverkehr in vertretbarer Weise erreichbar.

Diese Ideen bergen einen gewissen Charme. Mit den skizzierten Lösungen würden Ausweichmöglichkeiten geschaffen, ohne das Angebot auf der Stammstrecke ausdünnen zu müssen. Nach Schätzungen des VCD wären sie mit relativ geringen finanziellen Mitteln umsetzbar. Am günstigsten wäre es wohl, sie gleich mit Stuttgart21 umzusetzen. Damit könnte das ständige Ärgernis mit der S-Bahn endlich ein Ende haben. Vorausgesetzt, dass Geißlers Vorschlag, die Gäubahn in den Fernverkehr einzubeziehen, nicht doch noch einen Strich durch die Rechnung macht.

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Über Moritz Heiser

Moritz Heiser studiert Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Der Autor schreibt seit 2002 für verschiedene Publikationen, darunter DIE ZEIT und die Stuttgarter Zeitung. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Politik und Wirtschaft.
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2 Antworten zu Immer Ärger mit der S-Bahn

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