Der Meister der Schmerzen

OsPo. Der VfB Stuttgart taumelt weiter durch die Krise. Und daran – wer hielte es für möglich – sind hauptsächlich die Spieler Schuld. Zum Beispiel Ciprian Marica. Kurz nachdem er am Samstag in Hamburg den Ausgleich erziehlt hatte, vergab er erst eine erstklassige Gelegenheit zum Führungstreffer. Anschließend wurde er in der sechzehnten Minute wegen Schiedsrichterbeleidigung vom Platz gestellt und raubte so der Mannschaft die Möglichkeit eines bis dahin durchaus möglichen Erflogserlebnisses.

Diese Geschichte fügt sich nahtlos ein in das Bild, das der VfB dieser Tage zeichnet: frustriert, glücklos und seltsam uneinsichtig. Frustrierend sind die ständig wiederkehrenden herben Rückschläge nach Erfolgserlebnissen, die die Krise überwunden scheinen ließen. Als glücklos kann man den VfB getrost bezeichnen, weil der Mannschaft durch anerkannte und eingeräumte Fehlentscheidungen von Unparteiischen diese Saison schon viele Punkte verwehrt wurden. Uneinsichtig scheint in erster Linie die Mannschaft selbst zu sein. Die Spieler wähnen sich wohl noch in höheren Sphären, anstatt sich der Realität des Abstiegskampfes zu stellen.

Diese Ignoranz manifestiert sich in Arroganz und Leichtsinn. So wie letztens im Spiel gegen Kaiserslautern, als man eine 3:0-Führung noch aus der Hand gab. Beim VfB dachten da nach dem epischen Heimsieg gegen Werder Bremen wohl einige, es liefe jetzt wieder alles wie von selbst. Ähnlich war es nach dem 7:0-Sieg über Borussia Mönchengladbach auch gelaufen: es folgte eine Niederlage in Nürnberg.

Am Donnerstag geht es nun in der Europa League weiter, jenem Wettbewerb aus der Retorte, der kaum jemanden interessiert und finanziell alles andere als lukrativ ist. Den Spielern des VfB wird es da anders gehen, schließlich ist die Mannschaft hier bereits für die nächste Runde qualifiziert. Gegen international allenfalls zweitklassige Gegner erholte man sich von den Klatschen in der Bundesliga. Mithin mag der internationale Erfolg einen weiterer Grund für das fehlende Bewusst-sein über die ernste Lage darstellen.

Wenn die Mannschaft jedenfalls nicht bald aufwacht, dürfte es sich für den VfB sehr schwer gestalten, diese Saison noch aus dem unteren Tabellendrittel herauszukommen. Welche Rolle der Trainer dabei zu spielen hätte, ist klar. In solchen Situationen muss er den Spielern unmissverständlich klar machen, was er von ihnen verlangt. Jens Keller scheint das nicht besonders gut zu gelingen. Er wirkt in Fernsehinterviews oft überfordert und bemüht einschlägige Phrasen. Wenn so oder so ähnlich seine Ansprache gegenüber den Spielern aussieht, ist er nicht der richtige Trainer in dieser schwierigen Phase. Denn auch einige der taktischen Entscheidungen, die er seit Beginn seiner Arbeit als Cheftrainer getroffen hat, zeugen nicht gerade von überragenden Fähigkeiten. Dennoch trifft ihn wohl eher ein geringerer Teil der Schuld. Einerseits kam er, als der Baum bereits lichterloh brannte. Und andererseits: es stehen immer noch die Spieler auf dem Platz.

So fordert man denn auch von so genannten Führungsspieler in solchen Situationen, dass sie Impulse geben und ihre Mitspieler mitreißen. In Stuttgart werden beispielsweise Christian Träsch oder Matthieu Delpierre als solche Leitfiguren betrachtet. Delpierre, als Kapitän und Abwehrchef eine wichtige Konstante in der Mannschaft, war lange verletzt und konnte keinen direkten Einfluss nehmen. Seit er wieder dabei ist, ist er meist einer der Besten. Nur scheint seine Ausstrahlung nicht zu genügen, um eine nachhaltige Wirkung auf die anderen Spieler zu haben. Auch Christian Träschs Leistungen sind konstant gut. Allerdings versagt er, wenn es darum geht, das Heft in die Hand zu nehmen und den Weg zu weisen. Er beschränkt sich darauf, öffentlich das Problem zu monieren, zu dessen Lösung er selbst beitragen könnte.

Es ist also keine Lichtgestalt in Sicht, die dem VfB schnell aus dem Schlamassel helfen könnte. Und wenn man sich neben den aktuellen sportlichen Problemen noch die strukturellen und personellen Missstände auf Führungsebene vergegenwärtigt, kann es einem angst und bange werden um den Meister der Schmerzen. Diesen Titel hat sich der VfB angesichts der emotionalen Malaisen, in die er seine Anhänger jüngst gestürzt hat, mal wieder verdient.

Advertisements

Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
Dieser Beitrag wurde unter Kommentar, Sport veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s