Jens Keller ist hilflos

OsPo. Der oberflächlich positive Effekt, den der Trainerwechsel beim VfB Stuttgart auf die Mannschaft hatte, ist offenbar bereits wieder verpufft. Im Spiel gegen den VfL Wolfsburg legten die Spieler wieder die Lustlosigkeit und Fehlerfrequenz an den Tag, die das Spiel bereits in den letzten Wochen unter Christian Gross charakterisiert hatten. Die Abwehrspieler offenbarten eklatante Schwächen im Stellungsspiel, die dem Gegner eine Vielzahl an Torgelegenheiten bescherte. Glücklicherweise nahm dieser nicht alle Geschenke an. Die Offensivkräfte schleppten sich müde wirkend über den Platz, sodass die Wolfsburger sich meist keine Sorgen um einen potenziellen Torerfolg der Stuttgarter machen mussten.

Allen Stuttgarter Spielern gemein war am Samstag das Fehlen der positiven Aggressivität und der mannschaftlichen Geschlossenheit, durch die sich intakte und erfolgreiche Mannschaften normalerweise auszeichnen. Das hat auch Vizekapitän Cacau erkannt, der im Interview mit den Stuttgarter Nachrichten von zu viel Egoismus innerhalb der Mannschaft spricht. Darauf hat ein Trainer zwar nur bedingt Einfluss. Der gegenwärtige Zustand der Mannschaft weist jedoch darauf hin, dass die Maßnahmen, die Jens Keller mutmaßlich ergriffen hat, um das Stuttgarter Spiel zu beleben, nicht gefruchtet haben. Keller wirkt hilflos, wenn er über die Niederlage sagt: „Das ist sehr ärgerlich, weil wir nicht zwingend verlieren mussten.“

Christian Gross‘ Entlassung wurde von Sportdirektor Fredi Bobic mit dem Fehlen von „Lösungsansätzen“ begründet. Im Umkehrschluss hieße das, dass Keller selbige zu bieten haben müsste. Es scheint allerdings, als wäre dem nicht so. Man könnte nun argumentieren, Keller habe noch nicht lange genug Zeit gehabt, dem Spiel die berühmt-berüchtigte „Trainerhandschrift“ zu verpassen. Das mag sein. Andererseits ist man beim VfB im Moment nicht in der Lage, einem Neuling Zeit zu gewähren.

Auch in der taktischen Aufstellung zeigen sich die Fähigkeiten eines Trainers. Die Aufstellung des VfB am Samstag gegen Wolfsburg legt kein gutes Zeugnis über die fachliche Qualifikation Kellers ab. Sicher, über Taktik lässt sich im Fußball trefflich streiten. Wie Keller allerdings auf die Idee kam, gegen die offensiv fulminant besetzten Wolfsburger von der bewährten „Doppelsechs“ im defensiven Mittelfeld abzuweichen, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Plausibel erklärbar ist es jedenfalls nicht. Statt Zdravko Kuzmanovic Christian Träsch zur Seite zu stellen, wurde der Serbe ins Mittelfeld nach vorne gezogen. Dort mühte er sich zusammen mit Martin Harnik, der eigentlich Stürmer ist, vergeblich gegen die soliden Wolfsburger Josué und Riether. Träsch wurde dadurch defensiv gebunden und seiner offensiven Möglichkeiten vollständig beraubt. Dem Gegner wurde so gleichsam die Möglichkeit, Überzahlsituationen in der Stuttgarter Hälfte zu schaffen, geradezu aufgedrängt. Folgerichtig entstanden so die meisten der zahlreichen Wolfsburger Einschussmöglichkeiten. Wenn das die Handschrift sein soll, nach der alle rufen, muss man sich wohl auf weitere Spiele wie das am Samstag gefasst machen.

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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