Klett und Löffelholz in der FAZ

MoH. In der FAZ schreiben in letzter Zeit namhafte Stuttgarter über Stuttgart21. Der Verleger Michael Klett fragt sich nachdenklich, fast bedrückt „Fliegt hier bald alles in die Luft?“. Thomas Löffelholz hingegen bricht die Proteste analytisch auf die Problematik des „Anliegerprotests“ herunter und konstatiert „Die wegdemonstrierte Zukunft“.

Klett schreibt sehr persönlich, bringt seine Furcht vor dem gefährdeten Frieden in seiner Heimatstadt zum Ausdruck und erzählt von einer Episode, wie er kurz nach dem Krieg mit seinem Großvater spazieren ging:

[…] Hier vor dem Bahnhof erzählte er (der Großvater, Anm. d. Red.) von der Verlegung der Hauptstation vor dreißig Jahren, also im Ersten Weltkrieg, vom Königsbau zum aktuellen Platz. Plötzlich begann er heftig zu räsonieren, man habe wie so oft in Schwaben wieder einmal zu kurz gegriffen, der Stuttgarter Bahnhof hätte gleich an den Neckar gehört, das wäre der große Wurf gewesen, und damit hätte man der Talenge Raum für die Entwicklung der Stadt gegeben. Natürlich begriff ich, ein Kind damals, diese Worte erst viel später. […]

Die Heilung unverständlicher Bausünden, die ein schlüssiges Stadtbild zerbröselt haben, ging nur sehr langsam vonstatten, und immer wieder müssen sie neue Schläge von unverständlich hässlichen Gebäudeerrichtungen hinnehmen, so etwa ausgerechnet in dem Stadtraum, der durch das Gleisvorfeld gewonnen wird.

Dieses Vorfeld war noch vor dem Ersten Weltkrieg ein riesiger Park, der bis zum Neckar reichte und von dem die Gleissavanne, die im heißen Sommer den Stadtkessel zu tropischen Hitzegipfeln hochheizt, nur einen schmalen Streifen der sogenannten unteren Anlagen übrig gelassen hat. Nun also besteht die Aussicht, aus dieser so wirtschaftsgewichtigen und prosperierenden Metropole das zu machen, was ihrem errungenen Rang entspricht. […]

Vielleicht ist meine Liebe zu diesem Ort mit diesem Gefühl der Gefährdung (durch den Streit, Anm. d. Red.) noch größer geworden, aber zugleich werde ich das Unbehagen nicht los, dass Stuttgart für mich die Geborgenheit zu verlieren droht, derentwegen Städte gegründet wurden und werden und die ein gut geordnetes, intaktes Gemeinwesen gewährleisten muss.

Löffelholz, der ehemalige Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, hingegen kritisiert das Gewicht, welches Anlieger bei Großprojekten gewinnen können. Er bringt zahlreiche Beispiele aus dem gesamten Bundesgebiet und verrennt sich dabei auch gelegentlich in unbotmäßige Vergleiche. Die lauteren Motive der S21-Gegner stellt der Publizist in Frage:

[…] Heute sagen die Demonstranten: Egal! Was zu teuer ist, ist zu teuer, gleichgültig wer zahlt. Wirklich? Zum Schwaben gehört auch die Ehrlichkeit. Dass jene 50.000 in Stuttgart über Wochen hin auf die Straße gehen, um […] die Steuerzahler beispielsweise in Hamburg oder Bremen vor höheren Kosten zu bewahren, kann auch der lauteste Demonstrant einen ernsthaften Bürger nicht glauben machen. So nahe geht in der ganzen Republik herausgeworfene Staatsknete niemandem. […]

Derzeit debattieren die Gegner so, als müsse nur der Durchgangsbahnhof verhindert werden und alles sei gut. In Wahrheit ist gar nichts gut. Falls die Bundesrepublik Deutschland und Baden-Württemberg als Industrieland in einer globalen Welt nicht abdanken wollen, braucht man schnelle, aber auch ökologische Verkehrswege, also schnelle Züge und nicht nur Autos oder Flugzeuge. Bei einem Nein zu „Stuttgart 21“ müssten deshalb andere Varianten gesucht und gebaut werden. Und sie wären für die „Anlieger“ weit schlimmer als „Stuttgart 21“. Gewiss, die „Anlieger“ sind dann andere als jene, die im Schlossgarten aufbegehren. […]

„Stuttgart 21“ macht Stuttgart größer, nicht nur ökonomisch, auch real. Die Bahn samt ihren Gleisen verschwindet aus dem Tal. Man kann herumlaufen. […] Warum also demonstriert man wegen der Kosten, die ganz überwiegend andere tragen und die per saldo den Stuttgartern auf Jahrzehnte nützen werden? Warum konzentrieren sich die „Betroffenen“ nicht auf jene Fragen, die für Stuttgart selbst wichtig sind? Und bei denen ihre „Betroffenheit“ nicht gegen die Betroffenheit anderer – der Esslinger, Göppinger, Ulmer, Münchner sowie aller Bahnreisenden – abgewogen werden muss?

Michael Klett: „Fliegt hier bald alles in die Luft?“ http://www.faz.net/s/Rub0F6C1ACA6E6643119477C00AAEDD6BD6/Doc~E9C7A7E14935A471EBBF4D9B1CD253AC4~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Thomas Löffelholz: „Die wegdemonstrierte Zukunft“ http://www.faz.net/s/Rub0F6C1ACA6E6643119477C00AAEDD6BD6/Doc~EFACC66319B9846E0BBD645B357EADCEB~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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Über Moritz Heiser

Moritz Heiser studiert Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Der Autor schreibt seit 2002 für verschiedene Publikationen, darunter DIE ZEIT und die Stuttgarter Zeitung. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Politik und Wirtschaft.
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Eine Antwort zu Klett und Löffelholz in der FAZ

  1. In der Stuttgarter Zeitung kritisiert der ehemalige S21-Projektplaner der Bahn in einem lesenswerten Interview die „Gutsherrenmanier“ von Politik und Bahn: http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2678068_0_5496_-ex-chefplaner-der-bahn-projektbeschluss-in-gutsherrenmanier-.html?_skip=0

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