Mehr als nur ein Gschmäckle

OsPo. Der Abgang von Christian Gross beim VfB Stuttgart und die begleitenden Umstände seiner Entlassung bestätigen so manche der Vermutungen, die das Stuttgarter Tagblatt in den letzten Tagen angestellt hat. So ist beispielsweise klar geworden, dass Gross‘ kritische und direkte Art den Machthabern des Vereins zu unbequem geworden war. Gross machte sowohl intern als auch öffentlich auf Probleme und Defizite aufmerksam. Dadurch fühlten sich der Vorstand sowie der neue Sportdirektor Fredi Bobic offensichtlich bedroht und provoziert.

Über den Trainer wird berichtet, er habe es in letzter Zeit übertrieben mit seinem Anspruch auf alleinige Macht und Führungskompetenz. Es werden ihm mithin nun genau jene Eigenschaften zu seinem Nachteil ausgelegt, die ihn vor knapp Jahresfrist noch zum potentiellen Retter qualifiziert hatten: Strenge und das Einfordern von Disziplin und der unbedingte Wille, alle Kräfte im Verein zu bündeln. Gross‘ Nachfolger und voriger Co-Trainer Jens Keller erdreistet sich gar, sich öffentlich plump über den Führungsstil und mangelnde Bereitschaft zur Teamarbeit seines ehemaligen Chefs auszuweinen. Man muss in dieser Angelegenheit Stuttgarts Ex-Trainer Armin Veh beipflichten, wenn er sagt: „Das geht ja gar nicht!“ Ist es nicht gerade der Wille, alles selbst in die Hand zu nehmen, nichts dem Zufall – oder weniger kompetenten Untergebenen – zu überlassen, alles dem sportlichen Erfolg unterzuordnen und auch unpopuläre Kritik zu üben, auf die es vor allem in kritischen Situationen ankommt? Ist es nicht jenes Selbstverständnis, das große und erfogreiche Fußballtrainer von Rehhagel bis Magath auszeichnet?

Es muss einiges im Argen sein beim VfB dieser Tage, wenn einem erfolgshungrigen, kompetenten Trainer wie Christian Gross buchstäblich die Lust an der Arbeit genommen wird, um von Missständen im Verein und Fehlentscheidungen der Führung abzulenken. Wie bereits von uns bemerkt, kann Gross kaum als Hauptschuldiger für die Krise verantwortlich gemacht werden. Trotzdem musste er gehen, und das wirft Fragen nach den Hintergründen seiner Entlassung auf. Gross selbst betonte nach der Niederlage gegen Frankfurt vor gut zwei Wochen, dass eine weitere Zusammenarbeit Sinn mache. Zehn Tage später folgte seine durchaus überraschende Demission. Es wirkt, als wäre der Konflikt, der schon seit längerem zwischen Gross und der Vereinsführung schwelte, in der Zwischenzeit eskaliert. Wenn Fredi Bobic als Grund für die Entscheidung gegen eine weitere Zusammenarbeit mit Gross das Fehlen von „Lösungsansätzen“ nennt, ist das nur die übliche Standardrhetorik, zu der Verantwortliche bei Trainerentlassungen meistens Zuflucht suchen und die sich Bobic wahrscheinlich in seiner Zeit als DSF-Experte von Kollegen angeeignet hat. Der wahre Grund für die Trennung dürfte darin liegen, dass Gross seinen Vorgesetzten zu kritisch und unkonform war – kurz: er wurde zu unbequem und deshalb abgesägt.

Das hat ein Gschmäckle und lässt die Verantwortlichen Bobic, Staudt und Hundt in keinem guten Licht erscheinen, ist aber nicht beispiellos im Geschäft. Selten sind die Aussagen, die in solchen Situationen öffentlich getätigt werden, mehr als hohle Phrasen, die die eigentlichen Sachverhalte verschleiern sollen. Der Gipfel des schlechten Stils jedoch ist, dass Gross seitens Bobic indirekt vorgeworfen wird, den eigenen Abgang betrieben zu haben, um lukrative Angebote wahrnehmen zu können. Das ist nicht nur geschmacklos und illoyal sondern schlicht dumm, wäre Gross‘ Vertrag in Stuttgart doch sowieso im Sommer 2011 ausgelaufen.

Beobachtet man all dies, steht zu befürchten, dass der Zyklus, dem die Geschicke des Vereins seit einigen Jahren zu unterliegen scheinen, auf längere Frist nicht unterbrochen wird. Die Chance, die Probleme an der Wurzel zu bekämpfen und die Krise als reinigendes Gewitter zu begreifen, wurde verpasst. Statt schonungslos die Missstände vor allem in den Führungsgremien offen zu legen und auch dort personelle Konsequenzen zu ziehen, wurde mal wieder der für die Vereinsführung bequemste Weg gewählt und das schwächste Glied in der Kette ausgetauscht. In Jens Keller wurde ein Trainer installiert, der froh über die Chance ist, einen der begehrten 18 Erstliga-Trainerposten bekleiden zu dürfen. Er wird den Teufel tun und die Vereinsführung in der Art und Weise kritisieren, wie es Gross getan hat. So machen es sich alle bequem auf ihren Posten und es scheint fast so, als wachse da eine neue Amigo-Clique erster Güte heran, die den VfB fest im glorreichen Mittelmaß etablieren wird.

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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2 Antworten zu Mehr als nur ein Gschmäckle

  1. Oskar Powalka (ospo) schreibt:

    Eine weitere kritische Stimme zu den Vorgängen beim VfB erhebt sich: Günter Netzer scheint auch erkannt zu haben, dass bei Gross‘ Entlassung andere als die vom Verein kolportierten Gründe eine Rolle gespielt haben:

    http://www.tagesanzeiger.ch/sport/fussball/Netzer-verurteilt-die-Entlassung-von-Gross-in-Stuttgart-aufs-Schaerfste/story/27838942

  2. Pingback: Der Nächste, bitte! | STUTTGARTER TAGBLATT

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