Das alte Lied

OsPo. Im Zuge der letztens diskutierten alljährlichen Tabellenmisere stellt sich nun beim VfB Stuttgart auch wieder die zugehörige Sinnkrise ein. Bereits hier hatten wir das Thema der Ausrichtung der Vereinspolitik kurz angeschnitten. Nun nimmt sich auch die StZ  – mal wieder – des Themas an. Der in Stuttgart seit rund einem Jahrzehnt  fast omnipräsente Konflikt „ambitionierter Erfolgstrainer vs. sparsamer Vorstand“ geht in eine neue Runde. Bereits Felix Magath wurde vergrault von dem Unwillen der VfB-Granden Hundt, Staudt & Co, größere Summen Geldes in qualifiziertes Spielerpersonal zu investieren. Wahrscheinlich schien den erfolgsverwöhnten, aus der Privatwirtschaft kommendenen Gewinnertypen das so genannte Return on Investment zu gering…

Jetzt muss sich also Christian Gross mit der fast schon verblendeten Sparsamkeit herumschlagen.  Der schweizer Trainer ist im internationalen Fußballgeschäft anerkannt und erfolgreich. Man sollte also meinen, ein in sportlichen Belangen eher mittelmäßig qualifizierter Vorstands- respektive Aufsichtsratvorsitzender (wie es Staudt und Hundt ja zweifelsfrei sind) würde den Entscheidungen eines solchen Mannes in sportlichen Dingen so gut wie blind vertrauen. Weit gefehlt. Mittlerweile wurde beispielsweise bekannt, dass Gross in der Sommerpause mehrere Kandidaten beobachtet hatte, die den damals verletzten Kapitän Matthieu Delpierre in der Innenverteidigung ersetzen und die dünne Personaldecke etwas aufpolstern sollten. Der Trainer erachtete diese Verpflichtung als unbedingt notwendig, um die ungeachtet der mangelnden Investitionsbereitschaft hohen sportlichen Ziele des Vereins erreichen zu können. Staudt und vor allem Hundt machten ihm da allerdings einen Strich durch die Rechnung, mit Verweis auf die angespannte Kassenlage des Vereins. Damit bedeutet man dem Trainer einerseits, dass seine sportlichen Entscheidungen zweitrangig sind gegenüber wirtschaftlichen Erwägungen. Indirekt, und das wiegt weit schlimmer, kommuniziert ein solches Handeln darüber hinaus  ein mangelndes Vertrauen in die sportliche Handlungs-und Führungskompetenz des Trainers. Dessen fachmännische Betrachtungen und Warnungen wurden gleichsam in den Wind geschlagen, als man seinem Drängen auf Verstärkungen nicht nachkam. Jetzt, wo es schlecht läuft, Christian Gross hauptsächlich verantwortlich zu machen wäre also ein Hohn sonder gleichen.

Vielmehr wäre es angebracht, auch in Vorstand und Aufsichtsrat des VfB Stuttgart mehr sportliche Kompetenz in Form von Kennern nicht nur der Wirtschaft sondern auch der Fußballbranche zu verankern. Die Leistungen der Herren Hundt und Staudt seien wohlgemerkt unbestritten und sollen hier keinesfalls geschmälert werden. Im Zuge der wirtschaftlichen Konsolidierung haben sich beide ohne Frage um den Verein verdient gemacht. Wenn allerdings über die stabile ökonomische Basis hinaus eine dauerhafte Annäherung an die Spitzengruppe der Bundesliga das Ziel sein soll, müssen in Form von Transfers auch finanzielle Risiken eingegangen werden.

Das Unglück hierbei ist, dass wenn der VfB in den letzten Jahren mal etwas tiefer in die Tasche griff, um einen Spieler zu verpflichten, das Ganze meist in einem Flop endete (es seien exemplarisch Tomasson, Groenkjaer und Marica erwähnt). Diese abschreckenden Beispiele, für die zu einem großen Teil die damalige sportliche Führung verantwortlich zeichnet, scheinen Aufsichtsrat und Vorstand nun zu hemmen, wenn es darum geht, Geld in die Hand zu nehmen.

Ungeachtet dessen wird es Zeit, dass am Neckar eine Grundsatzentscheidung getroffen wird: Entweder man wirtschaftet weiter bieder bis solide (diese primitiven schwäbischen Stereotypen immer…) vor sich hin und reduziert als Konsequenz die Erwartungshaltung. Das ausgegebene Minimalziel des VfB liegt derzeit traditionell beim Erreichen des internationalen Geschäfts. Oder man setzt über Lippenbekenntnisse hinaus Vertrauen in die gegenwärtige sportliche Führung und lässt dieser auch finanziell die Freiheit, ihre Planungen zu verwirklichen. Die bisherigen Erfahrungen und die Aussagen von Hundt und Staudt lassen jedoch daran zweifeln, dass eine solche Weichenstellung in nächster Zeit erfolgen wird. Lieber werden die Medien und Fans weiter mit Sparkassenrhetorik getäuscht…

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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6 Antworten zu Das alte Lied

  1. Oskar Powalka (ospo) schreibt:

    Horst Heldt lässt im Interview mit dem „kicker“ durchblicken, dass sein Wechsel zu Schalke 04 im Konflikt mit dem Präsidium begründet ist. Es ist ein offenes Geheimnis, dass auch Heldt von Aufsichtsrat und Vorstand mehr Mut zu Risiko und Investitionen gefordert hat.

    Hier ist das Interview mit H. Heldt abrufbar:

    http://www.kicker.de/news/fussball/bundesliga/startseite/543451/artikel_Was-macht-eigentlich-Horst-Heldt.html

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