Der Trainerstuhl wackelt

Der schlechte Saisonstart des VfB Stuttgart – oder: jährlich grüßt der Tabellenkeller.

OsPo. Bald wird beim VfB Stuttgart wieder das greifen, was mehr oder minder begabte Schöpfer von sprachlichen Versatzstücken  für die Fußballberichterstattung mit „die Mechanismen des Geschäfts“ bezeichnet haben. Der VfB hat mal wieder mit zyklischer Verlässlichkeit einen miserablen Saisonstart hingelegt und es wird schon über potentielle Nachfolger des Trainers Christian Gross spekuliert. In den letzten Jahren hat es ja schließlich auch geholfen, den amtierenden Übungsleiter zu feuern. Neue Besen kehren gut, um bei primitiven Metaphern zu bleiben.

Aber das ist zu kurz gedacht. Mögen sich die Herren vom alkoholischen Quintett (a.k.a. „Doppelpass“) oder die Sportberichterstatter der Stuttgarter Lokalpresse im Drehen der Gebetsmühle ergehen und damit die weitgehend stumpfe und undifferenzierte Betrachtungsweise der Vorgänge im Fußballgeschäft, die offenbar viele Interessierte an den Tag legen, nähren. Man muss schon mutwillig ignorant sein, um nicht die Mannigfaltigkeit der Faktoren zu erkennen, die zur momentanen Krise beim VfB Stuttgart beitragen.

Da wäre zum einen die wirtschaftliche Lage. Vorstand und Aufsichtsrat beteuern immer wieder, dass von den zig Millionen, die der Verein über die letzten Jahre durch Transferüberschüsse und das Erreichen der Champions League erhalten hat, alles reinvestiert (Stadionumbau, teure Transfermissverständnisse à la Tomasson, Marica & Hleb) worden sei. Milchmädchenrechnungen kursieren im Internet, gar Vorwürfe der Untreue kommen auf. Volkes Zorn fragt: Wo ist die ganze Kohle geblieben?

Damit eng verbunden ist der offensichtliche Qualitätsverlust des Kaders der Bundesligamannschaft. Immer wieder musste der VfB den Weggang von so genannten Schlüsselspielern hinnehmen. Aktuell konnte der Verlust von Sami Khedira und Jens Lehmann (noch) nicht aufgefangen werden. Zum einen liegt das wohl an den vorgeblich mangelnden finanziellen Möglichkeiten. Dazu kamen noch der Weggang des Managers Horst Heldt zum ungünstigsten Zeitpunkt und die langwierige Suche nach einem Nachfolger. Als schließlich feststand, dass Fredi Bobic die Funktion übernehmen würde, war es schon fünf vor zwölf in Sachen Transfers. Wie in den letzten Jahren wirkten die dann getätigten Neuverpflichtungen eher wie Last-Minute-Notkäufe denn wie geplante, gezielte Verstärkungen des Kaders. Zudem war kaum Zeit vorhanden um die neuen Spieler und das vorhandene Personal aneinander zu gewöhnen und sich einspielen zu lassen. Hinweise des Trainers auf Schwächen in der Zusammenstellung des Kaders (Ulreich) beziehungsweise Spieler, die Verstärkungen darstellen würden und deren Transfer realisierbar gewesen wäre (etwa Petric, Boussoufa, Dzsudszák, Doumbia), wurden nicht beachtet oder mit letzter Konsequenz umgesetzt.

Dass nun die üblichen Fragen aufkommen, ob „der Trainer die Mannschaft noch erreicht“ oder „der Vorstand noch hinter dem Trainer steht“, versteht sich. Dass es allerdings nicht so einfach ist, mittel- und langfristigen Erfolg über das Auswechseln der leitenden Angestellten sicherzustellen, zeigen die letzten Jahre. Vielmehr sollte man sich in Cannstatt gerade jetzt auf Kontinuität besinnen und sich fragen, was wohl der Grund der wiederkehrenden – und übrigens immer heftiger werdenden – Hinrundenkrisen des VfB ist. Es ist sicher nicht Christian Gross. Eher sind es Fehlentscheidungen der Herren Vorstände Staudt und Ruf. Schon Felix Magath beklagte sich einst über die übertriebene, stereotypisch schwäbische Sparsamkeit des Vorstandes, der den Verein wohl eher als Spardose denn als ambitionierten Bundesligaklub betrachtet. Die Ausrichtung des Vereins zielt nicht gerade auf eine Verringerung des Abstandes zum FC Bayern, sondern festigt die Position des VfB Stuttgart als Mitglied der zweiten Garde deutscher Fußballklubs.

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Über Oskar Powalka

Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums in Linguistik und Anglistik hat sich Oskar Powalka nun der Literaturwissenschaft zugewandt. Er ist nebenbei als freier Redakteur und Lektor tätig. Als Chefredakteur beim Stuttgarter Tagblatt (StT) kümmert er sich um die Ressorts Sport und Feuilleton.
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4 Antworten zu Der Trainerstuhl wackelt

  1. Oskar Powalka (ospo) schreibt:

    Mein werter Namensvetter Oskar Beck scheint die Schuldfrage ähnlich zu sehen. Aus einem Kommentar in der StZ: „‚Warum‘, fragte ich, ‚wirft der VfB eigentlich immer den Trainer raus – und nicht zur Abwechslung auch mal den Aufsichtsrat?'“
    Hier glossiert Beck ironisch und hintersinnig die momentane Vereinspolitik beim VfB. Wie die allermeisten von Becks Beiträgen sehr lesenswert und unverbissen, meine ich.

    Hier ist der komplette Kommentar abrufbar:
    http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2657929_0_5731_-oskar-beck-kolumne-kiesewetter-muss-vfb-trainer-werden.html

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